Cyberkriminalität in Österreich steigt um neun Prozent. Expertin Martina Lindorfer von der TU Wien analysiert, wie KI das Wettrüsten zwischen Angreifern und Verteidigern verändert.
Die Cyberkriminalität in Österreich hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Laut dem aktuellen Cybercrime Report des Bundeskriminalamts stiegen die Angriffe auf IT-Systeme um neun Prozent. Insgesamt wurden 63.459 Delikte angezeigt. Während Internetbetrug leicht zurückging und Erpressungen im Internet deutlich abnahmen, nahmen Cyberangriffe im engeren Sinn zu. Martina Lindorfer, Professorin für Security und Privacy an der TU Wien, spricht von einem Wettrüsten, das durch Künstliche Intelligenz (KI) eine neue Dimension erreicht hat.
Professionalisierung der Schadsoftware
Die Zunahme der Angriffe ist unter anderem auf die zunehmende Professionalisierung von Schadsoftware im vergangenen Jahrzehnt zurückzuführen. Lindorfer betont: Schadsoftware ist auf jeden Fall professioneller geworden, was auch damit zusammenhängt, dass Cyberkriminalität heute ein Big Business ist. Es existiere eine sehr professionelle und serviceorientierte Softwareentwicklung, bei der es darum gehe, mit infizierten Computern oder Handys Geld zu verdienen.
Moderne Schadsoftware ist in der Lage, Sicherheitssoftware zu umgehen und zu erkennen, dass sie selbst analysiert wird. Lindorfer erklärt: Das gibt es seit längerem, denn Cybersecurity ist ein Katz- und Maus-Spiel. Dabei versuche Schadsoftware besser zu erkennen, dass sie selbst analysiert wird. Gleichzeitig versuche sich die Analysesoftware vor der Schadsoftware zu verstecken. Das sei ein Wettrüsten.
KI verändert die Bedrohungslage
Künstliche Intelligenz verändert die Bedrohungslage, eröffnet andererseits aber auch neue Wege zur Bekämpfung von Cyberbedrohungen. Noch liegt im Dunkeln, ob KI selbst Schadsoftware programmieren kann. Die Expertin geht davon aus, dass dies vermutlich bereits der Fall ist, auch wenn im Bereich der KI vor allem ein großer Hype besteht. Sie sagt: Da steckt viel Marketing für jene Unternehmen dahinter, die KIs herstellen. Genauso wie KI uns hilft, normale Software zu programmieren, kann sie hilfreich dabei sein, Schadsoftware zu entwickeln.
Die speziellen Fähigkeiten, die ein KI-Modell zur Programmierung von Schadsoftware benötigt, erlangt es durch gezieltes Training mit allen möglichen Beispielen von Malware, die in der Vergangenheit festgestellt wurden. Lindorfer erklärt: Sie ist gut darin, unterschiedliche Komponenten zusammenzusetzen und so die gewünschte Schadsoftware zu bauen. Ob Künstliche Intelligenz tatsächlich jeder Kleinkriminelle nutzen kann und so zum Hacker wird, lässt sich noch nicht zuverlässig belegen. Es ist auch schwierig abzuschätzen, was Teil des Hypes um KI ist, was der Realität entspricht und welche Technologie bereits im großen Stil angewendet wird.
KI zur Abwehr von Angriffen
Anders sieht es bei potenziellen Angriffszielen aus. Im wissenschaftlichen Bereich wird seit langer Zeit am Einsatz von KI zur Erkennung von Malware und von Angriffen geforscht. Lindorfer weiß aus der Praxis: Aber auch hier gibt es einen Hype um die generative KI. Doch wir dürfen die KI nicht alleinig den Angreifern überlassen. Ich sehe eher das Problem, dass wir zu sehr von KI abhängig werden und die KI alles entscheiden lassen. Aber wir dürfen unser Wissen und das Lernen nicht alleinig an die KI abgeben.
Für die Expertin ist es unerlässlich, dass der Mensch immer ein Teil jenes Systems ist, in dem KI eingesetzt wird. Sie betont: KI ist gut dazu geeignet, um große Datenmengen zu filtern und zu priorisieren. Aber die letzte Entscheidung, ob es sich tatsächlich um einen Angriff handelt und wie er eingeordnet wird, sollte beim Menschen liegen.
Phishing und Deep Fakes als Hauptgefahr
Für die Professorin für Security und Privacy an der TU Wien stellt nach wie vor Phishing eines der Hauptprobleme in Sicherheitsbelangen dar. Sie warnt: Die KI ist besonders gut darin, glaubhafte Phishing-Mails zu generieren. Doch sie ortet durch Deep Fakes, bei denen realistisch wirkende Videos und Sprachnachrichten erstellt werden, die größte Gefahr. So wurde die Expertin selbst zum Ziel: Vor einigen Monaten gab es auf WhatsApp Sprachnachrichten, die zur Überweisung von Geld aufgerufen haben. Ihre Mutter habe bei ihr nachgefragt, was das solle und ob das wirklich sie sei.
Das Erkennen solcher Deep Fakes wird immer schwieriger. Zudem besteht die Tendenz, paranoid zu werden, und normale, harmlose Mails erwecken den Eindruck eines Phishing-Versuchs. Die Entwicklung zeigt, dass die Bedrohung durch Cyberkriminalität weiterhin ernst genommen werden muss und sowohl technologische als auch menschliche Wachsamkeit erfordert.
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