Cornelia Grobner ist seit 2018 Wissenschaftsredakteurin bei der „Presse“. Seit 2023 ist sie Teil des Klima-Teams. Der Fokus der promovierten Sozial- und Kulturwissenschaftlerin (Uni Salzburg) liegt auf Forschung in und aus Österreich, seit 2025 berichtet sie in der „Presse am Sonntag“ auch regelmäßig über internationale Wissenschaftsthemen.
Der Zeithistoriker Johannes Glack erzählt die Geschichte jener Holocaust-Überlebenden, denen ein Neubeginn nach 1945 verwehrt blieb und die in Camps in Österreich bleiben mussten. Als 1960 das letzte Flüchtlingslager in Asten bei Enns in Oberösterreich geschlossen wurde, lebten dort noch 43 Holocaust-Überlebende.
„Sie sind aus gesundheitlichen Gründen teilweise seit 1945 übriggeblieben“, sagt der Zeithistoriker Johannes Glack von der Uni Wien. Knapp 1,7 Millionen geflüchtete Menschen befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich, oft weit weg von Zuhause, die Mehrheit waren befreite Zwangsarbeiter und Insassen der Konzentrations- und Arbeitslager. Doch nicht alle, die das Land nun verlassen wollten, konnten das. Die sogenannten Displaced Persons landeten in Camps.
Vor allem Juden und Jüdinnen mussten vielfach bis weit nach Kriegsende dort bleiben. Und für jene, deren Gesundheit einen Neuanfang in einem anderen Land verunmöglichte, wurden aus Jahren oft sogar Jahrzehnte. Eine Handvoll konnte den Camps überhaupt nie den Rücken kehren.
„Sie waren aufgrund des Holocaust so schwer psychisch oder physisch versehrt, dass sie kein Land der Welt aufnehmen wollte, nicht einmal Israel“, sagt Glack. Er spürt ihren Biografien derzeit nach, um sie in größere Kontexte und Metaerzählungen zu integrieren. Da ist etwa der Fall eines polnischen Juden, der im Holocaust seine ganze Familie verloren hat und 1946 in Österreich gelandet ist.
„Im Camp wurde er von den anderen Flüchtlingen als psychisch auffällig beschrieben. Er wanderte nachts umher und wurde auch gewalttätig.
“ Heute würde dem Mann vermutlich eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert, damals folgte die Auslieferung als Schizophrenie-Patient in eine psychiatrische Anstalt. „Die gängige Behandlung waren Elektroschocks, die seinen Zustand massiv verschlechterten“, so Glack. In früheren Akten ist vermerkt, dass er nicht im Land der Mörder seiner Familie leben wolle. Nach der ersten Phase der Therapie konnte der Mann sich nicht mehr mitteilen, er sei apathisch und bettlägerig, heißt es in der Dokumentation.
Ein Großteil der Betroffenen litt an Tuberkulose und ihren Spätfolgen sowie an schweren psychischen Erkrankungen.
„Deshalb konnten viele, die keine Familie mehr hatten, die sich kümmerte, nicht ins neu gegründete Israel einreisen, rechtlich wäre es möglich gewesen, aber sie bekamen aus versorgungstechnischen Gründen keine Visa. “ Weil sie meist früh verstarben und es niemanden gibt, der sich ihrer erinnert, sucht der Historiker – er machte im Lauf seiner bisherigen Karriere Station in Israel und den USA – in mühevoller Kleinarbeit in den verschiedensten Archiven auf der ganzen Welt nach ihren Namen.
Am Donnerstag erhielt Glack für seine wissenschaftlichen Leistungen und sein zivilgesellschaftliches Engagement den Leon-Zelman-Preis der Stadt Wien. Die Ehrung erinnert an den langjährigen Leiter des Jewish Welcome Service Vienna und Herausgeber der Zeitschrift „, wo eine Gruppe u. a. einheimischer Männer in den letzten Kriegstagen rund 200 Menschen, vor allem jüdische Familien aus Ungarn, ermordet hatte, wurde Glack mehrfach ausgezeichnet.
Der Historiker räumte darin mit dem Mythos einer unbekannten SS-Einheit, die mordend durchs Land zog, auf von dem Todesmarsch durch die Gemeinde erzählt hat. Er engagierte sich früh gegen Rechtsextremismus, später begleitete er Schülerfahrten zum Memorial Auschwitz-Birkenau. Noch heute ist er Mitinitiator von Gedenkveranstaltungen und Zeitzeugengesprächen.
„Es war mir immer bewusst, dass ich in einem Land lebe, in dem die Vergangenheitsbewältigung nicht gut geglückt ist. “ Ohnmacht überfalle ihn nicht angesichts der Verbrechen und Lebensgeschichten, sondern angesichts der Ignoranz der Gesellschaft gegenüber dem Holocaust: „Gegen die Jahrzehnte des Schweigens, das mancherorts immer noch anhält, zu arbeiten, treibt mich an. “ ist Zeithistoriker an der Uni Wien. Hier forscht der gebürtige Oberösterreicher u. a. zu Endphaseverbrechen und jüdischen Displaced Persons mit schweren Erkrankungen in Österreich.
Davor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Archiv von Yad Vashem . Glack ist auch in der Bildungs- und Erinnerungsarbeit aktiv. In dieser Reihe porträtieren wir Nachwuchsforschende: Was sie an der Wissenschaft reizt, welche Erkenntnisse oder Vorbilder ihnen besonders am Herzen liegen und wie es um ihre Work-Life-Balance steht.
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