Jugendarbeitslosigkeit in China: Wenn junge Menschen die Arbeit faken

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Jugendarbeitslosigkeit in China: Wenn junge Menschen die Arbeit faken
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Marlies Eder, geboren 1990 in Wien, ist seit 2015 Redakteurin in der Außenpolitikredaktion der „Presse“. Ihre Berichterstattung konzentriert sich auf Asien und speziell auf das politische und gesellschaftliche Geschehen im chinesischen Sprachraum sowie auf die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen China und Österreich.

Fast ein Fünftel der jungen Chinesen ist arbeitslos. Einige von ihnen täuschen vor, in die Arbeit zu gehen. Wie prekär die Situation für Hochschulabsolventen ist, beweist das Ultimatum des größten Autolichtherstellers an Berufseinsteiger.

„Arbeitslos und so tun, als würde ich zur Arbeit zu gehen. “ Ein scherzhafter Clip soll genau das zeigen: Eine junge Frau, die um acht Uhr aufbricht, von 9 bis 17 Uhr in einem Park die Zeit totschlägt, und wieder nach Hause fährt. Der Hashtag „vortäuschen, in die Arbeit zu gehen“, kursierte zuletzt in Chinas sozialen Medien. In der Realität dienen aber weniger öffentliche Parks als Bibliotheken, Cafés oder eigens vermietete Räumlichkeiten als Fake-Büros.

Auslöser für die Online-Debatte war ein Video, das eine lange Warteschlange junger Menschen vor der Guangzhou Bibliothek in der südchinesischen Stadt Kanton zeigt. Auch in anderen Städten mischen sich in Bibliotheken immer häufiger junge Arbeitslose unter die noch jüngeren Studenten. Dort arbeiten sie an Bewerbungen, lesen oder vertreiben sich die Zeit. Die Familie soll nicht merken, dass sie keinen Job mehr haben.

Schon machen Firmen die Arbeitslosigkeit anderer zum Geschäft: Sie vermieten Büroplätze an Menschen, die den Schein einer Anstellung wahren wollen. Dort bearbeiten Arbeitslose ihre Bewerbungen, lesen oder vertreiben sich die Zeit. Die Familie soll nicht merken, dass sie keinen Job mehr haben. Die Arbeitslosenquote bei den 16‑ bis 24-Jährigen ist im August erneut gestiegen.

Sie liegt nun bei 18,9 Prozent. Jährlich drängen im Sommer Millionen Universitätsabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Heuer waren es 12,7 Millionen, knapp 500.000 mehr als vergangenes Jahr. Der Druck auf junge Chinese wächst.

Die immer gebildetere Bevölkerung sieht sich mit einem schwachen Wirtschaftswachstum konfrontiert. Ein Doktorat ist schon lange kein Garant für eine erfolgreiche Karriere mehr. Diese Lektion mussten zuletzt 440 Absolventen am eigenen Leib erfahren, die erst im Sommer bei Chinas größtem Hersteller für Autolampen, Xingyu, in der ostchinesischen Provinz Jiangsu zu arbeiten begonnen hatten. Bald nach ihrer Anstellung für Ingenieurs- und Managementposten stellte der Autozulieferer den jungen Mitarbeitern ein Ultimatum: Wer freiwillig kündige, erhalte ein halbes Monatsgehalt.

Wer nicht kündige, müsse fortan am „Fließband Schrauben anziehen“. 107 Betroffene nahmen das Angebot an. Viele andere Absolventen aber griffen zu ungewöhnlichen Mitteln: Sie reichten nicht nur Beschwerde bei den nationalen Behörden ein, sondern auch an der Hongkonger Börse, wo Xingyu einen Börsengang vorbereitete, und bei europäischen Kunden wie Volkswagen, BMW oder Mercedes-Benz, die aufgrund der Lieferkettengesetze zu strengeren Arbeitsrechten verpflichtet sind. Xingyu lenkte nach Ermittlungen der lokalen Regierung und einem öffentlichen Aufschrei ein.

Der Fall zeigt nicht nur die prekäre Situation für junge Menschen in China, sondern weist auch auf den harten Wettbewerb in der chinesischen Autobranche hin. Noch ein weiterer Trend aber verschärft den Druck auf junge Arbeitssuchende in China: Gerade Jobs für Einsteiger und Angestellte mit bis zu drei Jahren Erfahrung werden immer öfter durch Künstliche Intelligenz ersetzt. Ein Drittel aller gut 40 Millionen Stellenausschreibungen zwischen Jänner und April seien der KI ausgesetzt, ergabDie Regierung versucht mit Um- und Weiterbildungsprogrammen gegenzusteuern.

Sie fördert Einpersonenunternehmen, die mithilfe Künstlicher Intelligenz erfolgreich wirtschaften sollen. Zudem haben chinesische Gerichte zumindest in drei Fällen im Sinne von Arbeitnehmern geurteilt, die durch die KI ersetzt worden waren. Alles in allem aber bleibt die Gemengelage für Chinas Gen Z einschüchternd. Erstmals seit der Reform- und Öffnungspolitik sind Anpassung an das System und Fleiß kein Garant mehr für den sozialen Aufstieg.

Dazu beigetragen hat auch das Platzen der Immobilienblase, das das Privatvermögen der Menschen aufgefressen hat. Viele gewöhnen sich an die Tatsache, dass sie als Arbeitskraft nicht gewünscht sind und suchen still einen Ausweg aus dem Hamsterrad: „Flach liegen bleiben“, „Tangping“, hat viele Ausdrucksweisen angenommen. Eine davon: Einige junge Menschen kehren ins Elternhaus als „Vollzeit-Kinder“ zurück. Dort verdienen sie sich mit Hausarbeit und Betreuung ein Taschengeld.

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