Viereinhalb Millionen Menschen in Japan sind dement. Tendenz: stark steigend. Die Alterskrankheit belastet längst auch Japans Volkswirtschaft. Nun tun sich erste Lösungen auf, von denen andere...
Viereinhalb Millionen Menschen in Japan sind dement. Tendenz: stark steigend. Die Alterskrankheit belastet längst auch Japans Volkswirtschaft. Nun tun sich erste Lösungen auf, von denen andere Länder noch lernen werden.
Mehr als ein Viertel der japanischen Bevölkerung ist älter als 65. Die demografischen Entwicklungen sind längst auch volkswirtschaftlich zum Problem geworden. Es klingelt an der Tür. Ein kurzes freundliches Gespräch später hat die Seniorin viel Neues gekauft: eine Matratze, Ernährungspräparate, Hilfsmittel für den Haushalt.
Die Dame ist froh – bis ein Angehöriger die Abrechnungen sieht, schimpft und beim Konsumentenschutz anruft. Denn keines der Produkte kann die Frau wirklich brauchen, sie bemerkt es nur nicht. Die Dame hat Demenz, was sie für Verkaufsbetrüger attraktiv macht. Fälle wie dieser machen in Japan immer öfter Schlagzeilen.
Die Betrugsfälle nehmen seit Jahren zu. Das alternde Japan ist so etwas wie die globale Hochburg der Demenz: Viereinhalb Millionen Menschen sind von der Krankheit, die sich vor allem im Alter zeigt, schon betroffen. Hinzu kommen um die zehn Millionen mit MCI , einer typischen Vorstufe von Demenz. Betroffene scheinen vergesslich, weil im Gehirn Verbindungen schwächer werden.
Mal wissen sie die Namen ihrer Enkel nicht mehr, mal verschwinden sie, mal fallen sie auch auf Finanzbetrüger rein. Die Liste ist lang. Und im ostasiatischen Land äußert sich diese wachsende Herausforderung vielfältig. Längst ist Demenz nicht mehr nur eine Krise sozialer Natur, indem Angehörige an ihre mentale Belastungsgrenze geraten.
Schon Ende des letzten Jahrzehnts ergab eine Schätzung, dass Japans Pflegesystem jährlich umgerechnet 5,8 Milliarden Euro allein für Demenzkranke aufwenden musste, die damals ein Fünftel aller Fälle ausmachten. Heute dürften diese Werte deutlich höher sein. Gerade die wirtschaftlichen Auswirkungen von Demenz sind aber viel größer.
Ökonomen warnen, dass Volkswirtschaften, in denen der Anteil von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zunimmt, an neue Wachstumshürden geraten: So liegen in Japan Ersparnisse von rund 315 Billionen Yen – mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts von Deutschland – in den Händen von Menschen mit Demenz oder einer Vorstufe. Dieses Geld liegt dann oft praktisch brach. Das ist einerseits ein Problem für Banken, die es gewinnbringend anlegen wollen, was letztlich auch den Besitzern helfen würde.
„Die Mehrheit älterer Menschen hat die Verwaltung ihrer Finanzen nicht vorbereitet, womit sie Vermögensverlusten und Finanzmissbrauch ausgesetzt sind“, erklärte Satoshi Nojiri, Chef des Finanzberaters FinWell Research, zuletzt dem Finanzmedium Bloomberg. „Das ist beängstigend. “ So aber auch für Familienmitglieder der Demenzkranken, die das Geld oft für deren Pflege bräuchten.
Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen von Demenz werden andere Länder – wo die demografische Alterung noch nicht so weit vorangeschritten ist wie in Japan – über die kommenden Jahrzehnte zu spüren bekommen. Aber auch in Japan wird die volle Wucht erst noch erwartet. Von einer „Demenzzeitbombe“ schrieb die Japan Times schon 2016. Die Zeitung Mainichi Shimbun beklagt Arbeitskräftemangel, Kürzungen im Pflegesystem, und „harsche“ Situationen für Patienten.
Es gibt schlicht zu viele von ihnen. Was tun? Im ostasiatischen Land tun sich Lösungsansätze auf, von denen europäische Länder lernen könnten. Da wäre etwa die NGO Caravan, die seit rund 20 Jahren landesweit bei Schulen, Unternehmen und Vereinen 90-minütige Kurse gibt, um die Bevölkerung zu Demenz aufzuklären.
Es wird ermutigt, Erkrankte nicht zu maßregeln, mit ihnen Gespräche über Finanzen zu führen, Supportnetzwerke aufzubauen. Am Ende erhalten Teilnehmende ein orangenes Armband, das allen zeigen soll: Diese Person versteht Demenz, könnte beim Grundsätzlichen helfen. Bereits 17 Millionen Menschen, etwa 14 Prozent von Japans Bevölkerung, haben solche von Experten konzipierten Gratiskurse besucht.
„Wir wollen das Wissen über Demenz erhöhen, damit Familien gewappnet sind“, sagt Hiroko Sugawara, Vorsitzende von Caravan. Das Konzept erhält viel Lob – denn Prävention hält die Last auf dem Pflegesystem geringer. Überzeugende Medikamente, mit denen sich Demenz lindern oder sogar heilen ließe, sind bisher nicht bekannt. Dabei werden Demenztherapien wie auch -vorsorge auch zusehends zu einem Geschäftsmodell.
Start-ups spielen in Japan viel Geld mit dem Versprechen ein, Demenz managebar oder vermeidbar zu machen. Im Mai erhielt das Start-up Sound Wave Innovation aus Tokio, das per Ultraschalltherapie Demenzerkrankte gesunden lassen will, 17 Millionen US-Dollar Risikokapital für eine Testphase. Der Pharmariese Eisai, der 2017 gelobte, über zehn Jahre 120 Milliarden Yen in Demenzprojekte zu investieren, beteiligte sich kürzlich am Start-up Altoida, das einen Test zur Demenzfrüherkennung per gamifizierter Virtual Reality baut.
Die Liste ließe sich fortführen. Amadeus Code etwa, ein Startup, das sich der Demenzprävention verschrieben hat, launchte diesen Sommer die App „Otokai“, mit der Nutzer anhand der Verknüpfung von Bildern und Musik ihre Synapsen schützen können.
„Das Tolle ist, dass man hier Musik komponieren kann, ohne ein Instrument oder das Notenlesen zu beherrschen. Es funktioniert sehr spielerisch“, so Jun Inoue, Gründer und Chef von Amadeus Code. Investoren haben dem Start-up rund 3,5 Millionen US-Dollar Risikokapital gegeben. Dass die Verknüpfung von Bildern und Musik zur Stärkung des Gedächtnisses prinzipiell taugt, haben Inoue und einige Kollegen in einem im Fachjournal Brain and Behavior publizierten Artikel gezeigt.
Zudem gehen Fachleute davon aus, dass 45 Prozent der Demenzfälle zumindest teilweise durch Gehirntraining vermeidbar sind. Erlöse sollen über In-App-Purchases kommen, etwa mit buchbaren Gehirnschnelltests oder Gruppenkompositionsstunden mit einem Musiklehrer. Wird ein Geschäft daraus?
„Dass wir damit Geld verdienen werden, daran hab‘ ich keine Zweifel“, meint Inoue. Nicht nur sei mittlerweile durchgedrungen, dass Demenz allgegenwärtig ist, und dies umso mehr, je weniger man dagegen tue.
„Außerdem“, trällert der CEO in der Melodie, die ihm die KI eben für ein Foto seines Hundes angeboten hat, das er in die App gespeist hat, „liebt jeder Mensch eine schöne Melodie. Die Kraft der Musik ist grenzenlos.
“ Oder auch: Die Wucht der Demenz ist grenzenlos. In Japan bestimmt sie schon die Musik.
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