Am 4. Oktober jährt sich zum 800. Mal der Todestag des Heiligen Franz von Assisi. Obwohl seine radikale Lebensführung und Spiritualität Menschen über Religionsgrenzen hinaus inspirieren, wurde seine Biografie über Jahrhunderte hinweg stark verharmlost. Der heuteWelttierschutztag erinnert an Franziskus besondere Verbundenheit mit Tieren, geht aber auf den 1931 vom Tierschützer Heinrich Zimmermann ins Leben gerufenen Gedenktag zurück.
Heute vor 800 Jahren starb der Heilige Franziskus: Warum seine Biografie vernichtet wurde und es dank ihm jetzt täglich Sünden-Ablass gibt. Vom Käfer bis zum Pferd, vom Hamster bis zum Stoffhasen“ lautet die von der Erzdiözese Wien ausgegebene Devise: Am Sonntag gibt es Tiersegnungen in ganz Österreich, bei manchen sind auch Kuscheltiere willkommen.
Passend zum Welttierschutztag und passend zu Franz von Assisi, dessen Gedenktag diesem das Datum geliefert hat, heute jährt sich sein Tod zum 800. Mal. Besser gesagt: Passend zur Franziskus-Folklore, die sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat und in ihrer Weichzeichnung dem radikalen Leben dieses katholischen Heiligen teils ganz entgegengesetzt ist.
Den Welttierschutztag am Todestag des katholischen Heiligen hatte einst, 1931, der deutsche Autor und Tierschützer Heinrich Zimmermann durchgesetzt. Dabei war er kein Katholik, nicht einmal Christ, sondern Jude, der 1942 von den Nationalsozialisten im KZ ermordet wurde. Er ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr der zum Aussteiger gewordene mittelalterliche Bürgerssohn Giovanni di Pietro di Bernardone weit über die Religionsgrenzen Menschen mit seiner Spiritualität inspiriert hat: Sozialrebellen und Ökologen, Asketen und Antikapitalisten, Gläubige aller Art und Atheisten.
Seine Radikalität ist auch der Grund, warum so vieles an seinem Leben und Wirken lange vertuscht wurde. Die früheste Lebensbeschreibung wurde erst im späten 18. Jahrhundert zum ersten Mal gedruckt. Dabei sind, durch sehr zeitnah entstandene Berichte, nur wenige mittelalterliche Lebensgeschichten so gut dokumentiert wie die des 1181 oder 1182 in Assisi geborenen Sohns eines reichen umbrischen Tuchhändlers.
Er erhielt demnach eine gute Bildung und begann als Kaufmann in die Fußstapfen des Vaters zu treten, bevor er in zwei Kriege zog – letzterer ein Feldzug nach Apulien – und krank und innerlich verändert daraus zurückkam. Die Quellen erzählen von seinem Rückzug aus der Gesellschaft, einer Wallfahrt nach Rom, einem Kleidertausch unterwegs mit einem Bettler, vom Verschenken von Besitz, Konflikt mit dem Vater, der sogar gegen ihn prozessierte.
Davon, dass er von einem Kreuz herab die Stimme Christi hörte gehört habe. Vom Leben in freiwilliger Armut vor den Mauern von Assisi, als Einsiedler und Bettler, von der Pflege der gezwungenermaßen ebenfalls außerhalb der Stadt lebenden Aussätzigen. Viele Anweisungen Jesu im Evangelium setzte er wörtlich um, daher auch die einfache Kutte mit Strick, das Barfußgehen und die strikte Ablehnung des physischen Kontaktes mit Geld. Einzelne schlossen sich ihm an, schließlich wurde der Orden vom Papst Honorius III. offiziell anerkannt.
Dessen Nachfolger Gregor IX. sprach Franziskus nur zwei Jahre nach seinem Tod 1226 heilig und beauftragte den Franziskaner Thomas von Celano mit dessen Lebensgeschichte. Bei einer zweiten Version half ihm eine große Sammlung von bis dahin nur mündlich überlieferter Geschichten, die einige Franziskanerbrüder erstellt hatten. Nur wenige Jahrzehnte später jedoch ordnete der damalige Ordensleiter Bonaventura die Vernichtung dieser frühen Biografien an und schrieb selbst eine neue.
Denn Franziskus’ radikale Botschaften waren mit dem Aufbau einer großen, geregelten Ordensgemeinschaft, wie Bonaventura sie im Sinn hatte, nicht vereinbar. Die Vernichtung gelang zwar nicht vollkommen, einige Exemplare blieben erhalten, aber über Jahrhunderte blieben sie praktisch unbekannt. Erst im späten 18. Jahrhundert wurde die erste Version erstmals gedruckt, im späten 19.
Jahrhundert die zweite. Der Theologe Adolf Holl bezeichnet diesen berühmten Gelehrten Bonaventura in seinem Franziskus-Buch „Der letzte Christ“ als „guten Manager“.
„Bonaventura wurde heiliggesprochen. Franz würde ihn vielleicht verflucht haben“, so Holl. Er zeichnete „Franz“ im rebellischen Geist der Siebzigerjahre als nicht zufällig im Frühkapitalismus geborenen Prototyp des bürgerlichen Menschen, dem in seiner privilegierten Haut nicht wohl ist, weshalb er radikal aussteigt – und zwar nach unten. Schon im 19.
Jahrhundert, lange, bevor die lateinamerikanische Befreiungstheologie Franziskus zu einem ihrer wichtigsten Vorbilder machte , war Franziskus von der christlich-sozialen Bewegung zum Anwalt der Arbeiterklasse politisiert worden. Aber aus dem 19. Jahrhundert stammt auch das Bild des sanften Tier- und Naturfreundes. Im 20.
Jahrhundert folgte der Aufstieg zum Patron der Ökologie. Das Material dafür lieferten frühe Legenden: Er habe Vögeln gepredigt, die aufmerksam zugehört hätten. Habe eine Stadt von der Angst vor einem Wolf befreit, indem er mit dem Tier geredet und Frieden zwischen ihm und den Bürgern gestiftet habe. Nicht zu vergessen sein kurz vor seinem Tod geschriebener „Sonnengesang“, in dem er alle Elemente der Natur und des Kosmos als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet.
Wie weit er dennoch von heutigen Vorstellungen entfernt war, zeigt allein seine Bezeichnung des eigenen Körpers als „Bruder Esel“: Er sei dazu da, gepeitscht und belastet zu werden. Überhaupt ist der drastische Asket Franziskus heutigen Durchschnittsmenschen noch weit fremder als seinen mittelalterlichen Zeitgenossen. So fremd wie die Vorstellung, man könne sich allein durch einen Kirchenbesuch inklusive Kommunion, Gebet und innerlicher Abkehr vom Bösen mit einem Mal von allen begangenen Sünden befreien.
Genau das aber hat Papst Leo XIV. für dieses von ihm ausgerufene Franziskus-Jahr verkündet: Ein General-Sündenablass gilt an jedem Tag dieses Jahres in jeder Franziskanerkirche. Er geht auf eine Bitte von Franziskus an den damaligen Papst zurück: Alle, die die bei Assisi von ihm erbaute Portiunkula-Kapelle besuchten, sollten einen gratis Sündenerlass bekommen .
Der Papst gewährte das für einen Tag im August, und so bestand dieser Portiunkula-Ablass bis in die Gegenwart. Heuer aber gilt er täglich. Nicht zuletzt das macht die Franziskanerkirchen derzeit für katholische Gläubige attraktiv: Mittelalterliche Frömmigkeit trifft modernes Jubiläums-Sonderangebot.
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