Seit 20 Jahren profiliert sich Wien mit gendergerechten Park – und Spielanlagen. Doch ab einem gewissen Alter verschwinden Mädchen noch immer aus dem öffentlichen Raum. Zeit für ein Update?
Im Einsiedlerpark steht der Ballspielkäfig nicht mehr im Mittelpunkt. Hier wurden schon vor 20 Jahren inklusivere Spiel- und Turngeräte aufgestellt. Im Einsiedlerpark steht der Ballspielkäfig nicht mehr im Mittelpunkt.
Hier wurden schon vor 20 Jahren inklusivere Spiel- und Turngeräte aufgestellt. Seit 20 Jahren profiliert sich Wien mit gendergerechten Park – und Spielanlagen. Doch ab einem gewissen Alter verschwinden Mädchen noch immer aus dem öffentlichen Raum. Zeit für ein Update?
Steigt man im fünften Bezirk bei der U-Bahn-Station Margaretengürtel aus, liegt einem der Bruno-Kreisky-Park zu Füßen. Er ist einer von über 1000 städtischen Parkanlagen, in denen die spätsommerlichen Temperaturen zurzeit genossen werden. Die Klientel ist hier ab 14 Uhr gemischt. Kinder, die nach der Schule am Klettergerüst turnen, ein Student sonnt sich oben ohne, eine Frau liest ein Buch in einer Hängematte, zwei alte Männer öffnen eine Dose Bier.
Geht man fünf Minuten weiter in Richtung des Zentrums von Margareten, landet man im Einsiedlerpark. Hier spielen an diesem Tag hauptsächlich Kinder, die Klettergerüste und Turngeräte werden von allen Seiten belagert. Mädchen wie Burschen nehmen den Raum ein. Nicht alle Park- und Spielanlagen in Wien sind so inklusiv, wie diese beiden im fünften Bezirk.
In vielen Grätzln dominieren nach wie vor die klassischen Ballspielkäfige – Orte, an denen meist die stärksten und lautesten Burschenbanden das Sagen haben. Wer nicht mitspielt oder sich nicht behaupten kann, wird an den Rand gedrängt oder verlässt den Spielplatz. Bereits vor 30 Jahren wurde dieses Problem rund um Spielplätze und Parkanlagen in Wien erkannt. Das Frauenbüro 1996/97 der Stadt Wien erstellte damals die Studie „Verspielte Chancen?
– Mädchen in den öffentlichen Raum!
“. Ein zentrales Fazit: Mädchen ab dem 10. bis zum 13. Lebensjahr ziehen sich vermehrt aus Parks und öffentlichen Spielflächen zurück. Das sieht man auch heute noch.
Damals hat man als Reaktion auf die Studie hier im fünften Bezirk mit der Umgestaltung der Parkanlagen begonnen. Der Einsiedlerpark, aber auch der Bruno-Kreisky-Park wurden als Pilotprojekte im Zuge eines Strategieplans der Stadt geschlechtsspezifisch umgebaut. Spielkäfige wurden teilweise abgebaut und durch Kommunikationsinseln ersetzt. Büsche wurden für bessere Sichtbarkeit zurückgeschnitten, inklusivere Spielgeräte aufgestellt. 2001 war die Umgestaltung des Einsiedlerparks abgeschlossen, heute noch wird er als „Mädchenpark“ beworben.
Auch weitere Parks, wie der Mortarapark im 20. , oder der Odeonpark im Zweiten sind „Gender Mainstreaming Pilotparks“. Geschlechtssensible Stadtplanung wird in Wien seit 20 Jahren thematisiert, dennoch gibt es immer wieder politische Rufe nach einem Ausbau des Angebots. Beispielsweise 2021 von den Grünen in Hernals und auch den Neos in Favoriten.
Jetzt rollen die Neos Wieden das Thema wieder auf. Ihr Antrag zurDie Neos Wieden verpackten ihr Vorhaben auch in ein Reel auf ihrem Instagram-Account, wofür sie viel Aufmerksamkeit, vor allem viel Zuspruch von Eltern erhielten. Ursula Ressl, Bezirksrätin in Wieden und selbst zweifache Mutter, beklagt darin das Verschwinden der Mädchen ab zehn Jahren von Spielplätzen.
„Die Stadt Wien nimmt grundsätzliche eine Vorreiterrolle bei diesem Thema ein, dennoch gibt es absolut Luft nach oben“, so die Bezirksrätin gegenüber profil. Die Studie aus den 90er Jahren hätte bei der Umgestaltung von Spielplätzen viel bewegt, „nur ist diese Studie jetzt 30 Jahre her. Das heißt, man muss ein paar Dinge überdenken, weil sich die Bedürfnisse und die Ansprüche der Mädchen und Buben verändert haben“.
Die Stadt solle sich eine flächendeckende Umgestaltung der Spielplätze, statt einzelner Pilotprojekte überlegen, kritisiert Ressl. Auch in Wieden. Die Umgestaltungen der beiden Pilotprojekte in Wien Margareten führten im Jahr 2005 zur Ausarbeitung von „Planungsempfehlungen zur geschlechtssensiblen Gestaltung von öffentlichen Parkanlagen“. Festgehalten werden dort Maßnahmen, die im Einsiedler- und im Bruno-Kreisky-Park Wirkung gezeigt haben, und auch heute noch herangezogen werden.
Ein Beispiel ist die Aufteilung von Ball-Spielplätzen, damit das „Besetzen durch die durchsetzungsstärkste Gruppe vermieden wird“. Im Einsiedlerpark in Margareten gibt es einen Käfig mit Basketballkorb, einen anderen mit Fußballtoren. Sie sind offen und in den restlichen Park integriert, anstatt das Herzstück dessen zu sein. Mehrere Gruppen können sich nebeneinander in den Käfigen aufhalten, die durch Sitzgelegenheiten miteinander verbunden sind.
In den Empfehlungen wird auch das Sicherheitsgefühl hervorgehoben. Übersichtlich gestaltete und gut einsehbare Räume werden vor allem von Mädchen als sicher wahrgenommen. Im Einsiedler- und dem Bruno-Kreisky-Park erfüllt eine Erhöhung der Wiese diesen Zweck. Steht man oben, hat man einen guten Überblick über den restlichen Park.
Ursula Ressl von den Neos hebt ergänzend Plätze hervor, die zum Verweilen und Unterhalten einladen, wie Hängematten oder Balanciermöglichkeiten.
„Nicht weil Mädchen nicht auch Fußball spielen können, aber es liefert ein zusätzliches Angebot für all jene, die das nicht wollen“. Sitz- und Verweilmöglichkeiten wie diese wurden im Einsiedler- und dem Bruno-Kreisky-Park geschaffen, um vor allem Frauen und Mädchen Aufenthaltsplätze zu ermöglichen. Sitz- und Verweilmöglichkeiten wie diese wurden im Einsiedler- und dem Bruno-Kreisky-Park geschaffen, um vor allem Frauen und Mädchen Aufenthaltsplätze zu ermöglichen.
„Make Space for Girls“ aus Großbritannien setzt sich für die europaweite Umgestaltung von Parks und öffentlichen Räumen hin zu geschlechtergerechten Orten ein. In Fallstudien analysiert die Organisation Parks, die speziell für Mädchen gestaltet wurden. So auch den Einsiedlerpark. Hier, wie auch in einem Park in Barcelona, wurde ein Fokus auf großzügig gestaltete Randbereiche sowie verschiedene, miteinander verbundene Aufenthalts- und Nutzungsbereiche gelegt.
In Umeå in Schweden wird auf ergonomische Sitze für junge Frauen und eine gute Belichtung der Anlage gesetzt. In anderen Großstädten implementierte man in Parkanlagen Damentoiletten, Sitzmöglichkeiten für Gruppen und breitere Wege.
„Die zentrale Empfehlung lautet, diese Konzepte eher als Inspiration und nicht als Vorlage zu verstehen, denn der wichtigste Schritt besteht darin, die Mädchen selbst zu fragen, was sie sich von den Orten wünschen, an denen sie leben“, fasst die Organisation zusammen. In ihrem Bericht über Wien hält „Make Space for Girls“ am Schluss fest: „Wien war die erste Stadt, die Gender Mainstreaming umsetzte, und das Erschaffen von Parks, die besser auf die Bedürfnisse von Mädchen zugeschnitten sind, war ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit.
“ Man könne laut der Organisation nur ein schlechtes Wort über das Einsiedlerpark-Schema in Wien verlieren: „Es passierte vor 20 Jahren. Warum hat sich seither nicht mehr verändert?
“Julia Girardi-Hoog ist seit einem Jahr Referentin für „Gender Planning“ in Wien. Sie spricht darüber, wie Stadtplanung das Sicherheitsgefühl von Frauen erhöhen kann und warum sie die öffentliche WC-Situation „ungerecht“ findet.
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