Linda Keizer verhandelt zum ersten Mal die Löhne von knapp einer halben Million Handelsangestellten. Warum sie mindestens einen vollen Inflationsausgleich erreichen will.
Linda Keizer verhandelt zum ersten Mal die Löhne von knapp einer halben Million Handelsangestellten. Warum sie mindestens einen vollen Inflationsausgleich erreichen will. Ich habe eine Sommersaison in Saalbach Hinterglemm gearbeitet und bin der Liebe wegen in Österreich geblieben.
Ich bin dann in die Fitnessbranche gewechselt. Dort gibt es keinen Kollektivvertrag, kein 13. und 14. Monatsgehalt. Ich habe aber verhandelt, mich für meine Kolleginnen und Kollegen eingesetzt.
Schließlich bin ich zur Gewerkschaft gekommen und war zuletzt Landesgeschäftsführerin des ÖGB Niederösterreich. Bald beginnt die Herbstlohnrunde. Die Metaller verhandeln heuer nicht, der Handel steht im Fokus. Wie schätzen Sie die Ausgangslage ein?
Es schaut nicht schlecht aus. Es gibt tatsächlich einen Aufschwung. Natürlich ist er nicht herausragend, aber er ist da. Auch im Einzelhandel haben sich die Umsätze zuletzt positiv entwickelt.
Jetzt müssen wir schauen, dass wir eine positive Stimmung schaffen und die Kaufkraft der Beschäftigten sichern. Der Aufschwung ist tatsächlich schwach. In den vergangenen Monaten ist die Inflation dafür wieder gestiegen, sie wird diesen Monat noch weiter zulegen und könnte bald wieder vier Prozent erreichen. Was ist realistisch bei der heurigen Herbstlohnrunde?
Wenn man die Kaufkraft sichern möchte, muss man grundsätzlich die gesamte Inflation abdecken. Das ist jedenfalls ein Ziel, das wir uns setzen. Die Beschäftigten brauchen das einfach. Wir reden hier nicht von irgendeiner Branche: Im Einzelhandel sind mehr als 70 Prozent der Beschäftigten Frauen, viele arbeiten in Teilzeit.
Deshalb halte ich es für wesentlich, dass gerade diese Beschäftigten einen vollständigen Inflationsausgleich bekommen. Das ist einfach wichtig. Die Forderungen werden in den kommenden Wochen von unseren Gremien beschlossen, dem will ich nicht vorgreifen. Die Inflationsrate von 3,2 Prozent ist eine wichtige Grundlage, aber sicher keine Obergrenze.
Viele fühlen sich nicht so wertgeschätzt, wie sie es eigentlich sollten. Gleichzeitig herrscht ein enormer Druck, die Arbeitsverdichtung ist deutlich spürbar. Dabei ist gerade im Handel die Beratung das Allerwichtigste. Und das ist eigentlich der Punkt, der uns vom Onlinehandel unterscheidet.
„Wir müssen auch ein Stück weit aus dieser Haltung herauskommen, dass alles nur schlecht ist. Sonst entsteht schnell eine Self-fulfilling Prophecy.
“ Der Handel ist eine breit gefächerte Branche. Es gibt große Lebensmittelketten und kleine Einzelhändler. Können sich auch die Kleinen Lohnsteigerungen über drei Prozent leisten? Ich glaube, es ist wichtig, klarzustellen: Egal, wo jemand beschäftigt ist, ob in einem kleinen Betrieb oder in einem großen Unternehmen: Kaufkraftsicherung bleibt Kaufkraftsicherung.
Gerade die kleinen Geschäfte sind in Orten und Städten besonders wichtig. Im Handel steigt die Arbeitslosigkeit. Im Einzelhandel laut AMS-Daten um 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist doch beunruhigend.
Ein Großteil davon geht auf den Anstieg des Frauenpensionsalters zurück. Gerade für ältere Arbeitnehmerinnen ist der Arbeitsmarkt leider nach wie vor extrem schwierig. Aber dieser Anstieg heißt nicht, dass im Handel kein Bedarf nach Personal besteht. Wir müssen auch ein Stück weit aus dieser Haltung herauskommen, dass alles nur schlecht ist.
Sonst entsteht schnell eine Self-fulfilling Prophecy. Aber es sind tatsächlich keine einfachen Zeiten. Wir hatten die längste Rezession der Nachkriegszeit und jetzt eine schwache Erholung. Menschen kaufen weniger ein.
Wir haben schon schwierigere Zeiten überstanden. Wir werden also auch diese Situation überstehen. Man muss an den stationären Handel und an die Beschäftigten glauben. Sie machen tatsächlich den Unterschied – und der Handel ist für viele Menschen auch ein Ort der Begegnung.
Dafür müssen die Beschäftigten aber auch die Zeit haben und nicht im dauerhaften Personalengpass arbeiten. Die Beschäftigten haben teilweise das Problem, dass sie ihr Geschäftslokal zusperren müssen, um überhaupt auf die Toilette gehen zu können. Manche trinken sogar weniger, damit sie nicht so häufig zur Toilette gehen und das Geschäft nicht zusperren müssen. Es ist menschenunwürdig, wenn Beschäftigte nicht einmal ihren grundlegenden Bedürfnissen nachgehen können.
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