Vor 100 Jahren erschoss sich der Wiener Biologe Paul Kammerer: gefeiert als neuer Darwin, dann der Fälschung bezichtigt. War es Betrug oder Intrige?
Vor 100 Jahren erschoss sich der Wiener Biologe Paul Kammerer: gefeiert als neuer Darwin, dann der Fälschung bezichtigt. War es Betrug oder Intrige? Man fand ihn gegen einen Felsen gelehnt, an einem Wegrand am Schneeberg.
Er trug einen dunklen Anzug, in der rechten Hand hielt er die Pistole, mit der er sich eine Kugel in den Kopf geschossen hatte. Vor 100 Jahren, am Vormittag des 23. September 1926, beging der Wiener Biologe Paul Kammerer Selbstmord, im Alter von 46 Jahren.
Es war der letzte Akt einer aufregenden Karriere, das tragische Ende einer schillernden Persönlichkeit, eines Mannes, der als neuer Darwin gefeiert wurde, als einer der bedeutendsten Biologen seiner Zeit galt und zugleich Protagonist des größten österreichischen Wissenschaftsskandals war. Paul Kammerer war ein Pionier der Naturwissenschaft, Kunstfreund, engagierter Pazifist, verkehrte in besten Wiener Kreisen, ließ sich auf pikante Beziehungen ein, verehrte Alma Mahler-Werfel.
Schließlich geriet er in Verdacht, bahnbrechende Studien gefälscht zu haben, woraufhin er den Freitod wählte. Was wissen wir heute über jenen Mann, den manche für einen Vordenker der Epigenetik halten? Und hat er sich wirklich des Wissenschaftsbetrugs schuldig gemacht? Kammerer war schon als Jugendlicher von Tieren begeistert und besaß ein außergewöhnliches Geschick, selbst empfindliche Reptilien zu züchten.
In der elterlichen Wohnung hielt er Dutzende Arten, darunter viele exotische. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann um die Jahrhundertwende an der Biologischen Versuchsanstalt im Prater, dem Vivarium. Kammerer war Anhänger von Charles Darwins Evolutionstheorie, wollte sie aber erweitern. Er verfolgte die Idee, dass Umwelteinflüsse die erbliche Ausstattung von Lebewesen beeinflussen und diese an die nächsten Generationen weitergegeben wird, ähnlich wie es Jean-Baptiste Lamarck fast 100 Jahre zuvor vorgeschlagen hatte.
Um sein Konzept unter Beweis zu stellen, startete er aufwendige Experimente. Er züchtete Salamander und Olme, Kröten und Meerestiere wie Seescheiden. Zum Beispiel studierte er, ob sich die Farbe des Bodens auf die Färbung von Salamandern auswirkte. Würden sich mehr gelbe Flecken bilden, wenn das Tier auf gelblicher Erde lebte?
Kammerer war überzeugt, genau das nachweisen zu können – und zudem, dass auch der Nachwuchs dieses Merkmal in sich trug. Ebenso berichtete er von blinden Olmen, die im Larvenstadium Ansätze von Augen entwickelten, wenn sie Licht spezieller Wellenlänge ausgesetzt waren. Die aufsehenerregenden Resultate gingen um die Welt, Fachzeitschriften wie „Nature“ berichteten darüber, Kammerer hielt Vorträge in London und in den USA.
Das Verhängnis nahm mit Studien an einer bestimmten Krötenart seinen Lauf: an sogenannten Geburtshelferkröten, die so heißen, weil Männchen nach der Paarung die Eier bis zum Zeitpunkt des Schlüpfens bei sich tragen. Ihre Paarung erfolgt nicht im Wasser, sondern an Land, weshalb Haft- oder Brunftschwielen fehlen: raue, dunkel pigmentierte Stellen an den Gliedmaßen, mit denen sich das Männchen am Weibchen im Wasser festhalten könnte. Kammerers Experimente zielten darauf ab, die Kröten dazu zu zwingen, sich im Wasser zu paaren.
Würden sich in der Folge Haftschwielen entwickeln, auch bei nachfolgenden Generationen? Falls ja, wäre das der letztgültige Beweis, dass sich Umwelteinflüsse in körperlichen Merkmalen manifestieren können. Tatsächlich meldete Kammerer positive Ergebnisse, was ihm Weltruhm einbrachte, aber auch heftige Fachdebatten und Skepsis von Kollegen. Der amerikanische Zoologe Gladwyn Noble wollte es genau wissen.
Anfang 1926 reiste er nach Wien und begehrte die famosen Forschungssubjekte zu sehen. Er betrachtete die dunklen Haftschwielen der Kröten und stellte fest, dass sie nicht von Anpassung herrührten – sondern von schwarzer Tinte, die in die Gliedmaßen injiziert worden war. Neuerlich erhielt Kammerer weltweite Aufmerksamkeit, diesmal jedoch als Fälscher. Kammerer bestritt die Fälschung nicht, wohl aber, etwas damit zu tun gehabt zu haben.
Zur weiteren Aufklärung konnte er nichts mehr beitragen: Anfang August 1926 erschien ein desaströser Artikel in „Nature“, wenige Wochen später nahm sich Kammerer das Leben. Bis heute steht die Frage im Raum: Hat er oder hat er nicht? Hat Kammerer seine Forschung wirklich manipuliert oder zumindest davon gewusst? Restlos geklärt ist der Fall noch immer nicht, doch viele Fachleute tendieren inzwischen zu einer vorsichtigen Rehabilitation des Wiener Biologen.
Dies liegt vor allem an umfangreichen Recherchen, die später durchgeführt wurden. Bereits 1971 veröffentlichte der Brite Arthur Koestler ein Buch zum Fall Kammerer, für das er Zeitzeugen befragt und Korrespondenz gesichtet hatte. Koestler listete darin allerlei Indizien für mögliche Intrigen und Missgunst auf. Der Wiener Journalist und Wissenschaftsautor Klaus Taschwer publizierte Koestlers Buch 2010 auf Deutsch , für das er intensiv in Archiven gewühlt hatte.
Taschwer stieß auf Belege für tiefe Feindschaften in der Wissenschaft, besonders aus dem Kreis um den berüchtigten Antisemiten Othenio Abel, der Kammerers Karriere nach Kräften behinderte und freundschaftliche Kontakte zu Gladwyn Noble unterhielt. Besonders auffällig war ein weiterer Umstand: Schwarze Tinte würde in den Gliedmaßen von Tieren rasch zerrinnen, was darauf hindeutet, dass sie relativ kurz vor Nobles Nachschau appliziert worden sein muss, von wem auch immer.
Kammerers Arbeit wird heute teils auch wissenschaftlich gestützt: So fand man in Slowenien blinde Olme, die Ansätze von Augen trugen. Gene werden tatsächlich ständig an- und ausgeschaltet, häufig als Folge von Umwelteinflüssen. Solch epigenetische Veränderungen können, wie „Nature“ nun anlässlich des 100. Todestages Kammerers ausführte, auch von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, wenn auch meist nur befristet.
Es sei außerdem unplausibel, so „Nature“ weiter, dass die vielen sehr verschiedenen Studien Kammerers samt und sonders gefälscht wären. Manche seien aus heutiger Sicht sogar wenig überraschend, andere mit Erfolg wiederholt worden. Nicht jedoch die Krötenexperimente. Warum?
Womöglich wurde Kammerer Opfer seines eigenen Talents: Offenbar hatte niemand sonst ein so gutes Händchen, Amphibien über lange Zeit zu züchten und in komplizierten Experimenten zu beobachten.
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