Forschen mit Behinderung: „Ich wusste, ich muss mehr liefern als...

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Forschen mit Behinderung: „Ich wusste, ich muss mehr liefern als...
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Cornelia Grobner ist seit 2018 Wissenschaftsredakteurin bei der „Presse“. Seit 2023 ist sie Teil des Klima-Teams. Der Fokus der promovierten Sozial- und Kulturwissenschaftlerin (Uni Salzburg) liegt auf Forschung in und aus Österreich, seit 2025 berichtet sie in der „Presse am Sonntag“ auch regelmäßig über internationale Wissenschaftsthemen.

Sechs Forschende mit unterschiedlichen Behinderungen erzählen von ihren Erfahrungen in der Wissenschaftswelt. Bitter: Schwappt die neue Behindertenfeindlichkeit der USA nach Europa? Schlecht gesehen hat David Krych schon immer, vor allem nachts.

Eine Diagnose erhielt der Theaterhistoriker allerdings relativ spät, mit 23 Jahren: eine genetisch bedingte Sehbehinderung, die in ungewissem Tempo fortschreitend ist.

„Mir gab das Wissen, dass meine Zeit potenziell eingeschränkt ist, einen Boost“, sagt er. „Ich wusste, ich muss mehr leisten, mehr liefern und effizienter sein als alle anderen. Das empfand ich als einen enormen Antrieb und nicht als negativ. Ich spürte eine produktive Rastlosigkeit.

“ Mit dem Doktorat in der Tasche kam der Einbruch. Krych: „Meine Behinderung schritt fort und es gab nicht dieselben technischen Mittel wie heute. Ich sah keinen Sinn mehr, weil die Recherche in Archiven und am Text einfach extrem wichtig für meine Forschung ist und in der Form nicht mehr möglich war. Dazu das Psychische.

Ich war sehr frustriert.

“ Er fiel in ein Loch. Doch es sollte nicht das Ende seiner Karriere sein, nur eine Unterbrechung. Bei Adi Sandbichler war es indes fast ein nahtloser Übergang: Sein Doktorvater fand seine Arbeit gut und schuf für ihn eine halbtägige Ausbildungsstelle.

„Das waren noch goldene Zeiten“, meint er. Der Wissenschaftler beschäftigt sich am Institut für Zoologie der Uni Innsbruck mit der Frage, wie tierische Zellen funktionieren. Parallel zu seinen Forschungen kümmerte er sich als „eine Art Systemerhalter“, wie er es nennt, um die Großgeräte im Labor und die Einschulung von Personal. Das Institut profitiert dadurch, weil Sandbichler Kontinuität in den oft hektischen Alltag bringt und Aufgaben erfüllt, die in normalen Anstellungsprofilen mit dem Fokus auf individuelles Fortkommen oftmals fehlen.

Eine große Wissenschaftskarriere hat er für sich nie greifbar gesehen. Der Biologe hat eine Knochenerkrankung, die ihn in seiner Bewegung einschränkt. Im Kleinen wie im Großen: „Ich kann das Ideal der internationalen Mobilität, wie sie von einer wissenschaftlichen Karriere gefordert wird, nicht leben, auch weil ich von meinem Support-Netz an Therapeuten und Ärzten abhängig bin.

“ Nach Phasen der intensiven Arbeit merke er zudem deutlich, dass sein Körper Regeneration einfordert. „Ich muss viel Zeit für die Therapie verwenden und mit meinen Kräften besser haushalten als andere. “ Biologe Adi Sandbichler ist Behindertenvertrauensperson an der Uni Innsbruck. Er initiierte vor über zehn Jahren ein Stipendium für PhD-Studierende mit Behinderung.

Sandbichler erzählt all das ohne einen Funken Verbitterung in der Stimme. Im Gegenteil. Da er sieht, wo es hakt, nutzt er seine Position als Behindertenvertrauensperson für wissenschaftliches Personal, um die Bedingungen zu verbessern. So ist es ihm mit Mitstreitern gelungen, einoder chronischer Erkrankung an der Uni Innsbruck zu etablieren.

Außerdem gibt es eine Vereinbarung, dass Bewerbungen von Menschen mit Behinderung auch bei ihm landen: „Damit ist sichergestellt, dass sie nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden.

“Schlechte Erfahrungen bei der Jobsuche sind David Krych nicht fremd: „Ich bin zu hundert Prozent der Meinung, dass man bei Bewerbungen um reguläre Stellen seine Behinderung nicht erwähnen sollte. “ Stand er früher offen dazu, wurde er zwar überallhin eingeladen. Aber: „Die Stelle bekam ich dann nie. Offenbar sind die Universitäten gezwungen, irgendwelche Statistiken zu erfüllen.

Man reist also durch die Weltgeschichte, gibt Geld aus und macht sich umsonst Hoffnungen.

“ Bei Bewerbungen um Drittmittelförderungen sei das zum Glück anders. „In meinem Fall wurde in einem Gutachten sogar positiv erwähnt, dass es schön sei, dass ich in die Wissenschaft zurückgekehrt bin. “ Im Sommer erhielt Krych einen mit einer Million Euro dotierten. Damit erforscht er an der Kunstuni Linz, wie sich die Vorstellung eines Homo novus, eines neuen Menschen, in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Schauspielkonzepten der Theater­avantgarden Mittel- und Osteuropas niederschlug.

Programme, die das Gezeigte seinen Augen rasch anpassen und den Kontrast umkehren, die schnelle und hochauflösende Digitalisierung von Dokumenten sowie der Einsatz von KI kompensieren die Sehbehinderung. Im Gegensatz dazu nutzt Krych als Vortragender auf Konferenzen keine technischen Hilfsmittel wie Powerpoint-Präsentationen oder Manuskripte.

„Ich kann meinen Text nicht gut ablesen und trage lieber frei vor. “ Das irritiert anfangs manchmal, kommt beim Publikum aber insgesamt gut an – es ist nicht selten gesättigt von dicht beschriebenen Folien und vorgelesenen Manuskripten. Ähnlich wie bei Krych ist Cord Hocke­meyers Position zu Bewerbungen klar.

„Ich würde die Behinderung nicht unbedingt hineinschreiben“, betont der Psychologe, der auchist. „Wenn auf eine Stelle 100 Kandidaten kommen, fliegt alles raus, was nur den Anschein eines Problems bedeuten könnte. Da sind die Kriterien rasiermesserscharf.

“ Er selbst ist durch eine extreme Wärmeempfindlichkeit eingeschränkt und benötigt ein Einzelbüro, in dem er die Temperatur regulieren kann. „Die Krankheit ist genetisch bedingt und war seit der Kindheit da, aber sie ist selten und deshalb kenne ich die Diagnose erst seit 2008“, so Hockemeyer. Den offiziellen „Behindertenstatus“ empfindet der 59-Jährige als Erleichterung, wenn es darum geht, seine Bedürfnisse an die Arbeitsumgebung zu kommunizieren.

„Ich musste mein ganzes Leben damit verbringen, Rechenschaft abzulegen über Dinge, die ich nicht kann"und erfreut über den professionellen Umgang mit ihrer Behinderung dort. Sie hat eine neurologische Erkrankung, die ihr eine Muskelschwäche und Schmerzen beschert.

„Ich musste mein ganzes Leben damit verbringen, Rechenschaft abzulegen über Dinge, die ich nicht kann, oder Dinge, die ich brauche“, erzählt die 22-Jährige. „Meine Stelle wurde speziell für Menschen mit Behinderung geschaffen und es war für mich so angenehm, dass man auf mich zugekommen ist und sich einfach erkundigt hat, welche Hilfestellungen ich möchte. “ Auf ihre Behinderung reduziert fühlt sie sich dadurch nicht: „Am Fachbereich hat man dieselben Erwartungen an mich wie an andere, doch ich erfahre keinen Druck.

“ Ob sie sich eine Bewerbung auf eine regulär ausgeschriebene Stelle zugetraut hätte, weiß sie nicht. Sie habe schlechte Tage, an denen ihr der Weg in die Küche schwerfällt und sie schnell müde wird – aber eben auch eine große Passion für die Forschung. Die Ferien verbrachte sie in Südkorea in einer Summer School, allein, ohne Assistenz: „Das hat mir wahnsinnig Angst gemacht.

“ Letztlich klappte es gut. „Ein Vorteil war, dass die Restaurantkosten in Seoul sehr niedrig sind und ich nicht einkaufen und kochen musste. “Schachinger möchte in der Wissenschaft bleiben, aber ob der Arbeitslast, die dann auf sie zukommt, ist sie unsicher: „Ich weiß nicht, wie es mir in zehn Jahren gesundheitlich geht. Die Frage wird sein, wie flexibel die Wissenschaft auf höheren Levels ist.

“ In einem starren System, das selbst gesunde Menschen an ihre Grenzen bringt, sieht sie sich nicht: „Mein Leben ist voller Unsicherheiten. “vor allem während des Studiums im Deutschland der 1990er-Jahre. Sie ist gehörlos und forscht heute an der Akademie der Wissenschaften zu, wofür sie im Vorjahr die höchste europäische Förderung für erfahrene Grundlagenforschende erhalten hat: „Es gab damals keine Hilfsmittel und null Bewusstsein für Inklusion.

Professoren weigerten sich, Skripte herauszugeben, von denen sie während der Vorlesung ablasen, obwohl ich dann hätte mitlesen können.

“ Sprach sie über ihre Probleme, wurde ihr nicht nur einmal nahegelegt, hier falsch zu sein. „Behinderung musste am besten verschwiegen werden, weil man sonst aussortiert wurde“, erinnert sich Brandt. Fast hätte sie deshalb ein Stipendium im Jemen verloren. Doch sie erkämpfte sich ihren Platz, von dem sie heute sagt, dass er entscheidend für ihre Laufbahn war.

Seit vier Jahren nutzt sie eine Speech-to-Text-App, die Gesprochenes in Echtzeit verschriftlicht. Die entscheidende Veränderung sei dennoch weniger technischer als vielmehr menschlicher Natur gewesen. Als Brandt 2011 an die ÖAW kam, boten ihr Kolleginnen und Kollegen spontan an, bei Veranstaltungen für sie mitzuschreiben: „So etwas hatte ich noch nie erlebt, diese Art von simpler, effektiver Unterstützung war für mich unfassbar.

“ Als Role-Model sieht sie sich nicht: „Ich weiß, dass ich viel erreicht habe, aber der Weg war so steinig, dass ich mich nicht als ‚Heldin‘ fühle. Es sollte nicht so schwer sein.

“ Sie glaubt, dass vielen nicht bewusst ist, was es bedeutet, eine Behinderung zu haben. „Es ist nicht einfach eine Vorlesung, der man nicht folgen kann. Man ist 24 Stunden am Tag behindert, ein ganzes Leben lang. Die Behinderung schreibt sich in alle Bereiche ein.

Wenn man das versteht, versteht man vielleicht auch, warum die Leistungen behinderter Wissenschaftler:innen unter ungleich härteren Bedingungen erbracht werden – und was wir brauchen, ist die Anerkennung dieser Realität.

“Für Maria Schreiber ist die Realität, behindert zu sein, noch relativ neu. Die Kommunikationswissenschaftlerin hatte vor acht Jahren, kurz nach der Promotion, im Alter von 35 einen Schlaganfall. Seither ist sie halbseitig gelähmt. Es folgte ein langer Krankenstand, währenddessen auch ihre befristete Stelle an der Uni auslief.

„Für mich war das dann unheimlich, weil ich nicht wusste, wie ich mich nun mit Behinderung bewerben sollte“, erzählt Schreiber. Als sie eine Ausschreibung der Uni Salzburg entdeckte, die perfekt auf ihr Profil passte, war sie ermutigt – und zugleich auf Krawall gebürstet: „Ich dachte mir, wenn sie mich nicht einladen, werde ich ein Exempel statuieren und klagen.

“ Die Sorge war unberechtigt, die Einladung kam. Und mit ihr eine neue mentale Last. Tausend Fragen gingen Schreiber durch den Kopf: Sind dort Stufen? Kann ich mich während des Vortrags hinsetzen?

Wie reagiert man auf meine Extrabedürfnisse? Am Ende lief es alles bestens und sie erhielt den Job – dazu Flexibilität im Umgang mit ihrer Behinderung sowie eine Arbeitsassistentin. Im heurigen Frühjahr machte Schreiber den nächsten Karriereschritt, zur Professorin fürWas sich bei ihrer Arbeit am meisten geändert hat?

„Der Großteil meines Berufes besteht aus Textschreiben, mit einer Hand ging das nur mehr extrem langsam, das war anfangs ein Horror“, sagt sie. „Die Diktierprogramme waren fehleranfällig, wissenschaftliche Texte zu schreiben, war sehr mühsam. “ Während sich die technischen Tools in den vergangenen Jahren rasant verbessert haben, vermisst die Wissenschaftlerin nach wie vor, die Gedanken im Schreibprozess selbst zu formen. „An den neuen Modus muss ich mich erst gewöhnen.

“An etwas anderes will sie sich nicht gewöhnen: an die Ausgrenzungsmomente bei Konferenzen. Deshalb hat sie für die europäische Fachgesellschaft für Medien- und Kommunikationswissenschafteneine Anleitung für barrierefreiere Tagungen formuliert.

„Das sind oft banale Sachen wie Duschhocker in den Konferenzhotels und Stehtische bei Begrüßungsempfängen. Menschen, die nicht lange stehen können oder einen Rollstuhl nutzen, müssen sonst meist irgendwo im Eck sitzen. Das ist total unsozial.

“ Für die Vortragenden selbst sollte automatisch nicht nur ein Pult, sondern auch ein ebenso schön hergerichteter Tisch mit Stuhl angeboten werden. Eine Beobachtung Schreibers: „Auf internationalen Konferenzen sehe ich mehr Menschen mit Behinderung als bei uns, gerade in den USA, wo die Barrierefreiheit wirklich viel besser ist.

“ Marieke Brandt beobachtete im akademischen Bereich vor etwa zehn Jahren einen Paradigmenwechsel; im Zuge einer breiteren Sensibilisierung gebe es für Inklusion seither mehr Entgegenkommen. Doch aktuell scheint sich das Blatt neuerlich zu wenden. Und nicht zum Besseren: „Seit der politischen Wende in den USA schwappt• Sorgen Sie für eine Beschilderung , die barrierefreie Wege zum Veranstaltungsort und innerhalb des gesamten Geländes deutlich kennzeichnet.

• Alle Räume für Meetings, Podiumsdiskussionen, Keynotes und Empfänge sollten stufenlos zugänglich bzw. per Aufzug erreichbar sein. • Prüfen Sie, ob es am Veranstaltungsort schwere Türen gibt, und klären Sie, ob diese offen gehalten werden können. • Stellen Sie in allen Räumen Mikrofone und Lautsprecher zur Verfügung .

• Bieten Sie zentral Sitzgelegenheiten an normalen Tischen mit Stühlen zum Essen und Trinken an; stellen Sie nicht ausschließlich Stehtische bereit. • Sorgen Sie bei Buffets dafür, dass Personal anwesend ist, um Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder Geschicklichkeit zu unterstützen.

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