Der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro versucht bei der Wahl die Unterstützung von Fußballsuperstar Neymar zu gewinnen. Trotz eines freundlichen Treffens im Stadion wurde der Politiker vom Publikum ausgebuht. Das Foto mit Neymar sorgt dennoch für Aufmerksamkeit und zeigt die politische Spaltung des Landes.
Der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro setzt bei der Wahl an diesem Sonntag auf die Unterstützung von Fußball superstar Neymar. Doch das Land ist gespalten wie nie.
Vor wenigen Wochen schaute sich der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro das Spiel Vasco da Gama gegen FC Santos in der brasilianischen Meisterschaft an. Der Politiker, Sohn des rechtsextremen und wegen des Putschversuchs unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, war für den offiziellen Wahlkampfauftakt an die Copacabana nach Rio de Janeiro gereist, und weil die Distanzen in Brasilien groß sind, machte der bekennende Vasco-Fan mit seiner Entourage einen Abstecher ins Estádio São Januário in den Norden der Millionenmetropole.
Das Präsidium des Rio-Klubs hatte offiziell zu dem Termin geladen, in einem Kommuniqué aber seine politische Neutralität betont. Bolsonaro traf sich vor dem Spiel mit Vasco-Präsident Pedrinho und Santos-Stürmer Neymar, der ihm in der Kabine ein Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft signierte. Der Superstar, der nach dem WM-Aus seinen Rücktritt aus der Seleção erklärt hatte, ist ein bekennender Fan der brasilianischen Rechten und hatte bereits Flávios Vater Jair im Wahlkampf unterstützt.scheint der politischen Allianz nicht im Wege zu stehen.
Der Empfang auf den Rängen war jedoch alles andere als freundlich: Flávio Bolsonaro wurde vom Publikum ausgebuht und beschimpft. Wenige Minuten nach dem dritten Tor der Gäste verließ der Präsidentschaftskandidat in Begleitung von Bundespolizisten diskret das Gelände, wie die Zeitung „O Globo“ berichtete. Das hatte sich der Edel-Fan anders vorgestellt. Doch das Foto mit Neymar in der Kabine ging viral – und brachte gute Publicity.
Der mächtige Bolsonaro-Clan hatte zuvor bereits für die Nominierung Neymars in den WM-Kader getrommelt, die in Brasilien zum Politikum wurde: Bolsonaro junior hatte in sozialen Medien ein KI-generiertes Video geteilt, in dem er den Superstar in Top-Gun-Manier in einem in den Nationalfarben Brasiliens lackierten Kampfjet „rettet“ und in die USA ausfliegt. Wie US-Präsident Donald Trump nutzt Bolsonaro die bombastische Bildersprache von KI, und wie Trump inszeniert er sich als militärischer Führer, der das Land mit knappen Kommandos führt.
Rechtsnationale Erzählungen leben von Rettern und Erlöserfiguren. Die Rufe wurden erhört, doch Neymar saß während der WM die meiste Zeit verletzt auf der Bank. Bolsonaros Widersacher, Präsident Lula da Silva, verhöhnte den Rekordtorschützen der Nationalmannschaft als „Homeoffice-Spieler“.
Neymar polarisiert wie kaum ein anderer Fußballer in Brasilien – nicht nur wegen seines lasterhaften Lebenswandels, der genüsslich in der Boulevard-Presse ausgewalzt wird, sondern auch wegen seines politischen Engagements: Kurz vor dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2022 postete „Ney“ auf seinem offiziellen Tiktok-Kanal, dem fast 50 Millionen Menschen folgen, ein Video, in dem er zu einem Werbejingle des Partido Liberal tanzt und mit seinen Fingern eine 22 formt, die Wahlnummer Bolsonaros – was bei einigen Funktionären Befürchtungen weckte, er könne die Geste auch bei der Fußball-WM in Katar zeigen.
Pikant: Die Parteinahme erfolgte einen Tag nachdem Bolsonaro senior das Instituto Projeto Neymar Jr in Praia Grande besucht hatte, ein Sozialprojekt, mit dem der Fußballer bedürftigen Familien mit Sport- und Bildungsangeboten helfen will. Kritiker unkten damals, Neymar habe vor allem deshalb zur Wahl Bolsonaros aufgerufen, weil dieser ihn wegen Vergewaltigungsvorwürfen öffentlich in Schutz genommen hatte. Vor allem in der schwarzen und indigenen Bevölkerung herrschte Fassungslosigkeit darüber, dass der Sohn eines Afro-Brasilianers einen rechten Präsidenten unterstützt, der durch rassistische Sprüche auffällt.
Doch womöglich war der leichtgläubige Volksheld nur die Spielfigur eines Machtpokers, den er selbst nicht recht durchschaute. »Neymar ist ein Weltklassespieler, Lula ein Präsident auf Reisen. Nur einer von ihnen hat einen Platz im Herzen der Brasilianer.
«Jair Bolsonaro setzte bei seinem Wahlkampf 2018, als er zum ersten Mal ins Amt des Präsidenten gewählt wurde, gezielt auf die Unterstützung prominenter und gläubiger Fußballstars wie Ronaldinho, Cafu, Kaká, Lucas Moura und Daniel Alves und spannte sie als Multiplikatoren seiner rechtslibertär-religiösen Kampagne ein. So gewann er nicht nur die Straßen und Fußballplätze, sondern auch die evangelikalen Communitys. Sein Sohn Flávio will diese Strategie kopieren, indem er die Nähe zu Fußballstars sucht.
Neymar ist trotz seiner Eskapaden immer noch ein Sympathie- und Imageträger, der dank zahlreicher Werbeverträge eine große Präsenz im Fernsehen und auf Social Media hat – und inzwischen auch so etwas wie der Posterboy der Neuen Rechten. Gewiss, der brasilianische Fußball war schon immer politisiert.
Die Klubs sind politische Vorfeldorganisationen und oft ein Sprungbrett in die Politik; der Widerstand gegen die Militärjunta wurde von den linken Anhängern von Corinthians São Paulo mit ihrem Idol Sócrates organisiert, die – wie die Fans von Flamengo Rio de Janeiro und Palmeiras São Paulo – Bolsonaro-Gegner sind. Die Seleção war aber immer etwas, hinter das sich die fußballverrückte Nation trotz politischer Differenzen versammeln konnte.
Doch seitdem die Bolsonaristas das Trikot der Nationalmannschaft gekapert und zum Erkennungszeichen ihrer Bewegung gemacht haben, haben die grün-gelben Nationalfarben ihre Unschuld verloren. Das Canarinho-Shirt ist das, was die roten MAGA-Hüte in den USA unter Trump sind: ein politisches Zeichen. Nicht wenige Fußballfans in Brasilien lassen das Shirt daher zu Hause, um in der Öffentlichkeit nicht als Bolsonaro-Anhänger wahrgenommen zu werden.
Der brasilianische Fußballverband CBF erwog daher schon, die Nationalmannschaft in roten Trikots auflaufen zu lassen, wie sie bereits zwischen 1917 und 1919 getragen wurden. Präsident Lula, der die Ex-Fußballprofis Juninho und Raí zu seinen Unterstützern zählt, versucht dagegen, das Trikot zurückzuerobern – die Nationalfarben dürften nicht den Faschisten überlassen werden.
Eine TV-Werbung der berühmten Flip-Flop-Marke Havaianas an Silvester sorgte schließlich dafür, dass die Kleiderschränke in Brasilien endgültig zum verminten Terrain wurden: In dem Werbespot sagt die brasilianische Schauspielerin Fernanda Torres sinngemäß, dass man nicht mit dem rechten Fuß, sondern mit beiden Füßen ins Jahr 2026 starten sollte. Für die Rechte eine Provokation – sie rief zum Boykott der Flip-Flops auf. Havaianas-Träger gelten mittlerweile als links.
Dass Real-Star Vinícius Júnior vor ein paar Monaten Werbung für die Kultmarke machte, konnte man auch als politisches Statement deuten. Es scheint, als könnte im Moment nicht mal mehr das „Jogo Bonito“ das gespaltene Land einen.
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