In der Politsatire „Digger“ mimt Tom Cruise einen skrupellosen Ölmagnaten mit direktem Draht ins Weiße Haus. Mit Hilfe des oscarprämierten Regisseurs Alejandro Gonzalez Inarritu will sich der stets auf Jugendlichkeit und Fitness getrimmte Action-Darsteller nun – mit Wampe und Haarausfall kaum wiederzuerkennen – mit dem ersehnten Oscar veredeln.
In der Politsatire „Digger“ mimt Tom Cruise einen skrupellosen Ölmagnaten mit direktem Draht ins Weiße Haus. Mit Hilfe des oscarprämierten Regisseurs Alejandro Gonzalez Inarritu will sich der stets auf Jugendlichkeit und Fitness getrimmte Action-Darsteller nun – mit Wampe und Haarausfall kaum wiederzuerkennen – mit dem ersehnten Oscar veredeln.
Eine eher unmögliche Mission. Hollywood liebt Schauspielstars mit Mut zur Hässlichkeit und gehörig Sitzfleisch in der Maske, die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ebenso. Das hat schon Jessica Chastain , Brendan Fraser oder Charlize Theron zu einem Goldjungen verholfen. Mit dieser Erfolgsformel empfiehlt sich nun der 64-jährige Hollywood-Star Cruise zur Award-Saison.
Viermal war der Scientology-Anhänger bereits nominiert, geklappt hat es – bis auf den Ehrenoscar – nicht. Nun soll es der mexikanische Bildermagier Inarritu richten. Dieser hatte bekanntlich auch einen völlig verwilderten Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ vom Fluch des Oscarverlierers erlöst.
Dinger Rockwell steht über den Dingen: Trotz Expertise von Dr. Berg akzeptiert er den nahenden Katzentod nichtTeigiges Gesicht, aschgrauer Teint, schütteres Haar, Wampe: Schon in der ersten Szene muss man zweimal hinschauen, ob tatsächlich Cruise in diesem Seidenpyjama steckt. Frühmorgens räkelt sich der exzentrische Mogul Digger Rockwell im opulenten Bett, hält seine halbtote Katze im Arm und füttert ihr mit seinem kleinen Finger Edelthunfisch aus der Dose.
Das Tier verweigert, also schleckt Digger seinen Finger selbst ab. Ganz klar: Hier ist ein Hollywood-Star aufdringlich darum bemüht, ja nicht so zu wirken, wie sein Publikum ihn kennt – als den agilen, furchtlosen und dauergrinsenden Retter der Welt aus der „Mission Impossible“-Reihe oder „Top Gun: Maverick“. Und tatsächlich: Cruise hat wohl seit „Magnolia“ nicht mehr so nuanciert aufgespielt wie hier.
Die grundlegende Geschichte von „Digger“ ist schnell erzählt: Ein bornierter Ölmagnat führt durch Nachlässigkeit und Geldgier bei einer Bohrung in Grönland die Natur an den Rand der Katastrophe. Warnungen von der Ölplattform ignoriert er, fordert den arroganten Mitarbeiter an Ort und Stelle stattdessen harsch auf, doch an dessen Leistung zu denken. Aufzuhören kommt für Digger nicht infrage. Als sein Umweltberater bei ihm zu Hause auftaucht, ist es zu spät: Die Bohranlage ist in die Luft geflogen.
Der Tycoon interessiert sich nicht für die verstorbenen Arbeiter, sondern nur für den entstandenen Sachschaden. Riz Ahmed verkörpert hinreißend den Wissenschaftler Ganesh, der vom Tycoon ignoriert, verspottet und getäuscht wird Doch dann, nach etwa einem Drittel dreht Inarritu seinen Film um und zieht eine theatralische Metaebene ein, die das bis dato Gesehene in einer Rahmenhandlung anders kontextualisiert. Gespoilert soll das an dieser Stelle nicht werden. Nur so viel: Unbedingt besser oder schlüssiger wird der krude Plot dadurch nicht.
Wie wollen die Mächtigen das Problem lösen? Eine Geheimsitzung auf Diggers Anwesen wird anberaumt. Da sitzt sie dann, die narzisstische Altherrenrunde, bestehend aus Politikern, Lobbyisten und Industriellen. Sie alle zerbrechen sich den Kopf, wie sie die auf Europa zurasenden Eismassen – fünfmal so groß wie Washington DC – in den Griff kriegen könnten.
Verhindern? Nicht möglich! Aufhalten durch Raketen? Zu gefährlich.
„Wie korrigieren wir das Narrativ? “, fragt einer. Ein neues Framing müsse her. Eines, das Begriffe wie Gletscher, Eis und Ölkatastrophe einfach aus dem Netz löscht.
Amen! Ein Gebet beschließt den Plan. Es ist noch nicht lange her, dass der reale Präsident krakeelend von der Annexion Grönlands fantasiert hat. Vor diesem Hintergrund mutet diese dick aufgetragene Satire weniger surreal und durchgeknallt an als vielleicht intendiert.
Die Seitenhiebe auf den Boss im Weißen Haus und seinen alten, weißen „Boys Club“ fallen wenig subtil aus. Nach einem sexistischen Witz sagt einer: „Achtung, es sind Frauen im Raum!
“ Alle schauen sich um, bis sie bemerken, dass sie natürlich unter sich sind. Ihr lautes Gelächter und ihre verzerrte Mimik wirken entlarvend, aber auch sehr billig. Als scharfsinnige Parabel zur Macht taugt „Digger“ also nicht. Die Figurenentwicklung bleibt mau, Selbsterkenntnis oder Reflexion über die Zerstörung des Planeten fehlen, die Männer mauern, um ihren Status quo zu erhalten.
In einer monumentalen Szene vor dem Europarat geht Digger aufs Ganze. Er leugnet nicht, dass seine Ölbohrungen den Planeten zerstört haben, und nimmt in einer manipulativen Rede rhetorisch Schuld auf sich, bevor er dekliniert „Wahrheit ist Wahrnehmung“. Heißt: Die Verantwortung liegt bei jenen, die billigen Sprit wollen. Jo eh!
„Wahrheit ist Realität“, kontert der Wissenschaftler. An dieser Stelle hätte Inarritu das Thema Fake News, politische Message Control, Manipulation durch die Tech-Mogule aufdröseln können. Aber da hat sich die Erzählung schon längst vom Strom des effekthaschenden, drögen Männerkinos mitreißen lassen. Dazu kommt ein Ensemble, das bis in die Nebenrollen comicartig gezeichnet ist: John Goodman mimt den angestaubten, todkranken und wie einen Rohrspatz schimpfenden Hardliner-Staatschef.
Die Kamera filmt ihn – wie die anderen – stets von unten, was seine Sympathiewerte nicht unbedingt steigert. Die Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller hat als Diggers Schwester darstellerisch zwar wenig zu tun, aber hebt die Exzellenz des Projekts schon, wenn sie nur in einer Szene anwesend ist. Ebenso Jesse Plemons mit roter Perücke, der vielleicht die einzig sympathische Figur des Films verkörpert.
Eines eint alle Figuren: Sie brüllen sich wie im Dauerfeuer auf dem Schlachtfeld an und werfen sich ununterbrochen derbe Beleidigungen an den Kopf. Alles andere an schwarzer Komik, bitterböser Abrechnung oder winzig kleinen Skrupeln geht im Weltuntergangsgeschrei unter. Die Mission zur Rettung dieses Films ist selbst für einen wie Cruise zum Scheitern verdammt. So ist das manchmal im Charakterfach.
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