Erinnerung an die Künstlerin Ingrid Wiener

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Das abenteuerliche Leben der Künstlerin Ingrid Wiener ist ein Stück Kunstzeitgeschichte. Gestern, am Tag vor ihrem 84. Geburtstag, ist sie verstorben. In memoriam: ein profil-Gespräch aus 2020.

Das abenteuerliche Leben der Künstlerin Ingrid Wiener ist ein Stück Kunstzeitgeschichte. Gestern, am Tag vor ihrem 84. Geburtstag, ist sie verstorben. In memoriam: ein profil-Gespräch aus 2020, in dem sie über Dieter Roth, VALIE EXPORT, Konrad Bayer und den Wiener Aktionismus erzählte.

Ein beruflich und ethisch angeschlagener Pädagoge hatte Ingrid Schuppans Eltern Mitte der 1950er-Jahre geraten, ihr Kind ehestmöglich aus der Schule zu nehmen: Die außergewöhnliche Schönheit des Mädchens lenke die Klassenkameraden leider zu sehr vom Lernen ab. Die Reaktion der Eltern fiel ähnlich aberwitzig aus wie diese sexistische Empfehlung: Sie taten, was ihnen der Lehrer geraten hatte – und überantworteten Ingrid Schuppan, geboren 1942, einer Ausbildung zur Bürokauffrau. Mit dem Widerstand ihrer Tochter rechneten sie nicht.

Sie geriet über den Schriftsteller Konrad Bayer in die Wiener Gruppe und die sich um 1960 radikalisierende Kunstszene. Ihre Nächte verbrachte sie im Café Hawelka und in der Adebar, tagsüber lernte sie an der Textilschule das Weben von Wandteppichen – und freundete sich dort mit einer jungen Künstlerin namens Waltraud Höllinger an. Diese wird sich später VALIE EXPORT nennen und mit Ingrid lebenslang eng befreundet bleiben.

Ingrid Wiener, wie sie seit ihrer Hochzeit mit dem sieben Jahre älteren Schriftsteller Oswald Wiener hieß, wurde in den 1960er-Jahren zu einer fixen Größe im äußerst männlich dominierten Künstlermilieu, sie tauschte sich mit den Protagonisten der Wiener Gruppe aus, dokumentierte das Treiben der Aktionisten, sang und performte. Die Angriffslust, mit der Ingrid Wiener jede einzelne dieser Disziplinen stets betrieben hat, definierte das „Weibliche“ jener Kunstformen neu.

„Früher haben die Frauen gearbeitet, und die Männer waren Künstler“, stellte Wiener lakonisch fest. „Wenn dies heute anders ist, habe ich hoffentlich auch dazu beigetragen. “ Aber weil die Dinge nie so einfach sind, wie sie klingen mögen, winkte die Künstlerin ab, wenn man ihr Werk feministisch zu lesen versucht.

Die Tatsache, dass Frauen noch in den 1960er- und 1970er-Jahren systematisch aus der Kunstgeschichte geschrieben wurden, betrachtete sie eher abgeklärt, spät gewürdigt fühlte sie sich nicht. 1969 floh sie mit ihrem Mann aus einem zu eng gewordenen Wien nach Berlin, wo sie drei legendäre Künstlerlokale eröffnete – und wo ihre Stieftochter Sarah Wiener die Liebe zum Kochen und zur Gastronomie entdeckte. Zwei, drei Stunden müsse sie täglich am Webstuhl sitzen, sagte Ingrid Wiener, um die monumentalen Gobelins herzustellen, für die sie berühmt war.

Ihre wilde Motive sprengen das traditionelle Genre: Wiener webte Wimmelbilder, zerknüllte Servietten, krakelige Kalligrafie und Kabelsalate, geduldig stellte sie jedes dieser Werke über Monate hinweg Bildpunkt für Bildpunkt her – ein binäres, prädigitales System, das Jahrtausende alt ist. Ein Buch, 2020 unter dem Titel „Durch die Kette sehen“ herausgegeben von Michaela Leutzendorff Pakesch, bietet die perfekte Einführung in Wieners vielfältiges künstlerisches Werk.

Ingrid Wiener nannte sich „unmusikalisch“, aber sie habe „immer gern gesungen“, was sie oft vor großem Publikum und stets mit eigens rekrutiertem „Herrensummchor“ tat, allerdings stets mit den denselben beiden Liedern, wie sie ironisch anmerkte: das eine verfasst von Konrad Bayer und Oswald Wiener , das andere geschrieben von Bayer und Gerhard Rühm . 1978 veröffentlichte sie in Berlin als „Monsti Wiener“ gemeinsam mit VALIE EXPORT das Album „Wahre Freundschaft“, im Geiste des Punk garniert mit ein paar obszönen Songs sowie Schubert- und Léhar-Liedern. 20 Jahre ihres Lebens verbrachte sie in der kanadischen Kälte, in einem Dorf, das man Dawson City nannte, am Ufer des Yukon River. Es war „die schönste Zeit meines Lebens“. Am gestrigen 1.

Oktober ist Ingrid Wiener überraschend verstorben, dem Vernehmen nach an einem Riss der Aorta. Heute wäre sie 84 Jahre alt geworden. Das Interview mit profil fand im Dezember 2020 per Videokonferenz statt, das Künstlerpaar Ingrid und Oswald Wiener lebte in einer umgebauten Buschenschank in der sudöstlichen Steiermark. Die kleinen technischen Komplikationen in der Herstellung einer stabilen audiovisuellen Verbindung löste der Schriftsteller, Kybernetiker und Mathematiker Oswald Wiener freundlich mit links, ehe er sich diskret zurückzog und seiner Frau das Feld überließ.

Als Ferry Radax 1959 an der ligurischen Küste seinen heute legendären Avantgardefilm „Sonne halt!

“ drehte, waren Sie noch keine 17 Jahre alt. Ihr Freund, der Dichter Konrad Bayer, der das Drehbuch geschrieben hatte und den Protagonisten gab, hatte Sie eingeladen, in dem Film aufzutreten. Sie meinten einmal, Bayer sei es hauptsächlich darum gegangen, Sie in Nacktszenen zu sehen. Damit hatte ich kein Problem, die Zeit war damals eine andere.

Wir gingen doch alle ganz selbstverständlich nackt baden! Mir kam es nicht komisch vor, mich vor der Kamera auszuziehen. Ich dachte nur: Was wird meine Mutter sagen, wenn sie den Film sieht? Das passierte glücklicherweise nie.

Es war eine tolle Zeit. Wir waren meist nur zu dritt, Radax, Bayer und ich, Italienisch konnten wir alle kaum, und Geld hatten wir auch nicht. Aber wir verstanden einander extrem gut. Der Film war auch der Auslöser dafür, dass ich meinen Job als Kontoristin in einer Möbelfabrik aufgab.

Ich wollte lieber verhungern, als weiter zu dieser öden Arbeit zu gehen. Stattdessen gerieten Sie in die Kunstszene der frühen 1960er-Jahre, begleiteten die Wiener Gruppe und die Aktionisten. Sie waren zuversichtlich, dass man Sie dort nicht verhungern lassen würde? Natürlich.

Ich modelte ein bisschen, trat in einem Fernsehfilm auf, schlug mich durch und genoss mein Leben. Das Künstlersein hatte natürlich eine Faszination, um mich herum waren ja nur Künstler. Alle arbeiteten an irgendwelchen Aktionen oder Projekten, waren zwar mittellos, hatten aber ein gutes Leben. Mir gefiel diese andere Welt, in die ich da geschlittert war.

Und wenn man jemanden kennt, der malt, fängt man eben selbst auch zu malen an. Ja, er brachte mich da rein, kümmerte sich um mich, mit ihm war ich wirklich befreundet. Er war faszinierend. Für uns alle war sein Suizid eine Katastrophe.

Ich glaube, er hatte das in der Hoffnung gemacht, noch rechtzeitig gefunden zu werden. Selbstmord war in unserer Szene ja ein ständiges Thema. Es war eine selbstverständliche Option. Ich hab es auch einmal versucht, in der Schweiz.

Ich war dort mit Radax und Bayer unterwegs und ärgerte mich maßlos über die beiden, die mich irgendwohin nicht mitnehmen wollten. Also legte ich mich hin, wie sich das gehört, drehte das Gas auf und schlief ein. Als ich wieder erwachte, verstand ich nicht, was los war, bis ich begriff, dass der Gasherd, den ich zu aktivieren versucht hatte, nur mit Münzeinwurf funktionierte. So hatten wir immer über Suizid geredet.

Es erschien mir romantisch. Ja, Oswald und ich waren oft im Perinetkeller, dem Atelier der Aktionisten, im 20. Bezirk. Wir filmten dort beide, haben sogar noch ein paar unveröffentlichte Super-8-Filme aus jenen Tagen.

Aber das meiste, was wir dort gedreht hatten, war eher peinlich. Nein, das hab ich nie gemacht. Aber ausgebeutet wurde dort keine einzige Frau, das beruhte alles auf Freiwilligkeit. Am 7.

Juni 1968 fand die berüchtigte, vom Boulevard als „Uni-Ferkelei“ titulierte Aktion „Kunst und Revolution“ statt. Ihr Mann nahm daran Teil. Waren Sie im Publikum? Ja.

Die Zuschauer waren perplex. Vor allem Günter Brus’ Aktionen hatten eine gewisse Härte. Eigentlich sollte das alles ja auf eine Stürmung des Burgtheaters hinauslaufen, aber irgendjemand hatte davon erfahren und das Haus verriegelt. Wir schafften es jedenfalls nicht, ins Burgtheater einzudringen.

Man hatte ihm eine Äußerung zugeschrieben, die im Saal zu hören war: den Ruf, dass man diese Aktion am besten im Stephansdom wiederholen sollte. Genau. Der Student, der dies öffentlich gesagt hatte, stellte sich schließlich der Polizei, die dennoch nicht von der Idee abließ, dass Oswald „es doch auch gesagt haben könnte“. Am Ende kam er frei, wir blieben aber im Visier der Polizei.

Man gab ihm sein Auto nicht mehr zurück, verfolgte uns, übte ständigen Druck aus. Es war mühsam. Irgendwann fanden wir heraus, dass gegen Oswald ein Haftbefehl vorlag – wegen angeblicher Belästigung einer Minderjährigen. Man wartete nur darauf, ihn wieder einzusperren.

Wir beschlossen, nach Berlin auszuwandern. Ich konnte nicht weben, wir wohnten in einer recht beengten Wohngemeinschaft. Zuerst kam die Chance, das „Matala“ zu übernehmen. Als Michel mich fragte, was ich dort gern tun würde, meinte ich: „nur nicht kellnern“.

Das übernahmen also Oswald und Michel. Ich begann zu kochen, obwohl ich davon keine Ahnung hatte; aber meine Mutter schickte mir schnell das Kochbuch der „Kronenzeitung“, so ging es irgendwie. Die Küche war klein, und mehr als zwei Speisen gab es bei mir eh nicht. Das Lokal wurde zu einem Riesenerfolg, obwohl so wenig Platz vorhanden war; die Leute aßen meist im Stehen, weil es nur wenige Tische gab.

Oswald kümmerte sich um die Musik, und alle waren glücklich. Nur eine Gruppe von Feministinnen nicht, die mich eines Abends aus der Küche „befreien“ wollten. Sie dachten, die Männer vorne verdienten das ganze Geld und beuteten mich aus. Das Gegenteil war der Fall.

Oswald und Michel arbeiteten jede Nacht wie die Verrückten, und trotzdem drittelten wir alle Einnahmen. Nicht wirklich. Diese ideologischen Grabenkämpfe waren wirklich arg, und mir gingen diese militanten Frauen auch, ehrlich gesagt, auf die Nerven. Wirklich legendär wurde ab 1973 Ihr Kreuzberger Restaurant „Exil“.

Angesagter ging es nicht mehr: David Bowie und Iggy Pop kamen vorbei, Martin Kippenberger und Joseph Beuys aßen bei Ihnen, auch Peter O’Toole, Robert De Niro und Jack Nicholson. War dieser Starauftrieb für Sie Alltag? Nein, es war schon immer speziell, wenn solche Leute da waren, obwohl viele davon auch zu Stammgästen wurden; aber die Kellner informierten mich immer ganz aufgeregt, wenn eine berühmte Person Platz genommen hatte.

West-Berlin war in den 1970er- und 1980er-Jahren ja nicht nur hip, sondern auch ein billiger Produktionsort, deshalb waren ja immer so viele Filmleute in der Stadt. Schon, ich habe nur das Problem, dass ich wegen meiner Schlafapnoe ein Atemtherapiegerät benutzen muss; es verhindert die Atemstillstände – leider waren gerade die der Grund, warum ich so viel geträumt hatte. Inzwischen träume ich kaum noch.

Die Gobelins sind, schon weil sie so mühselig herzustellen und mit so viel Denkarbeit verbunden sind, natürlich etwas ganz anderes als diese schnellen Traumaquarelle. Aber mir liegen beide Genres sehr am Herzen. Natürlich, ich hab auch hier in der Steiermark einen Webstuhl. Einen uralten!

In Österreich scheint man keine Webstühle mehr zu bekommen; glücklicherweise hat mich eine Bekannte gefragt, ob ich einen aus dem Museum haben möchte. Der ist zwar nicht so toll wie die, die ich in Kanada hatte, aber er funktioniert. Und ich habe gerade ein großes Projekt begonnen, an dem ich sicher ein halbes Jahr sitzen werde. Und weil die Gobelins oft so groß sind.

Aber ja, das Einfache ist doch langweilig. Ich brauche die Herausforderung. Nur dann macht es mir Freude. Nein.

Sein Tod kam 1998 dazwischen. Wir konzipierten die Teppiche meist brieflich. Am Ende gab es dann auch Faxgeräte, die fand Dieter sehr erfreulich. Also faxten wir zwischen der kanadischen Einsamkeit, in die wir 1986 gezogen waren, und der Schweiz unsere Entwürfe hin und her.

Das wollte ich nicht. Das Konzept stand, aber die Hälfte war von ihm, die andere von mir. Hätte ich allein weitergemacht, wäre meine Hälfte zu gewichtig geraten. Jahre nicht, jeweils ein paar Monate eben, aber ich hab ja zunächst auch noch in meinen Restaurants gearbeitet, konnte nicht jeden Tag am Webstuhl sitzen.

Schon. Wenn er seine Trinkphasen hatte, meldete er sich über Monate nicht. Aber ich gab nie auf, schrieb ihm immer wieder. Das stabilisierte unsere Freundschaft.

Valie Export lernten Sie in der Textilschule kennen, die Sie in Wien ab 1960 besuchten. Wie entdeckten Sie das Weben für sich? Als Freifach konnte man entweder Drucken oder Weben wählen. Valie meinte, dass wir lieber Weben nehmen sollten; die alten Frauen, die das unterrichteten, würden nie bemerken, dass wir schwänzten.

Ich war aber sofort fasziniert von dieser Arbeit, und auch die Frauen waren so nett, dass wir dann doch immer hingingen. Mir war das Weben völlig neu, die Valie kannte es schon von der Kunstgewerbeschule, die sie in Linz besucht hatte. Und dann lernte sie über mich alle diese Künstler kennen. Wir mussten Geld verdienen.

In einer Fabrik Stoffmuster zu entwerfen war uns einfach zu fad. Also jobbten wir, designten Schaufenster, was halt möglich war. Irgendwann zeigte mir Hundertwasser das Foto eines Gobelins, den er selbst einst gemacht hatte. Er war stolz darauf, das auch zu können, hatte aber keine Zeit für die mühevolle Herstellung dieser Objekte.

Ich schlug ihm also vor, dass wir doch Teppiche auf Basis seiner Entwürfe machen könnten. Das klappte gut, er verkaufte die Gobelins und bezahlte uns dafür. Das war so ausgemacht, ja. Es sollte sein Ding sein, aber von uns gewoben.

In Mexiko hatte er später eine ganze Manufaktur, in der seine Gobelins hergestellt wurden. Schon. Dieter Roth hatte in den 1970er- und 1980er-Jahren schon mehr Verständnis für mein kreatives Zutun – und dafür, dass ich ihn letztlich auch dazu benutzte, die Gobelins zu verkaufen. Valie Export und mir hätte man in den frühen 1960er-Jahren niemals etwas abgekauft.

Von Hundertwasser kaufte man gerne. Aber Dieter war als Künstler schon anders gepolt als Hundertwasser oder Attersee, für den ich ja auch gearbeitet habe. Dieter Roth verstand, dass ich mit dem Weben etwas neu erfinden, andere Richtungen einschlagen wollte. Seit rund 60 Jahren sind Sie künstlerisch tätig.

Es gab die Ausstellungen mit Roth, aber erst in den letzten 15 Jahren größere Präsentationen Ihrer Soloarbeiten. 2019 erschien eine Biografie über Sie, nun ein weiteres großes Buch. Haben Sie nicht den Eindruck, dass es erstaunlich lange gedauert hat, bis Sie als Künstlerin ins Zentrum gerückt sind? Nein, ich konnte ja auch in der Zusammenarbeit mit Dieter Roth viel von meinen eigenen künstlerischen Vorstellungen ein- und unterbringen.

Und seit 2007 gab es tatsächliche viele Ausstellungen, in denen ich meine Werke zeigen konnte. Der Weg war schon in Ordnung.

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