Die schönsten Wörter, die uns fehlen: Was sich nicht übersetzen lässt

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Die schönsten Wörter, die uns fehlen: Was sich nicht übersetzen lässt
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Manche Gefühle oder Handlungen kann man nur in einer einzigen Sprache in ein Wort fassen. Ein neues Buch stellt solche erstaunlichen Begriffe vor. Auch das Deutsche kann hier einiges beisteuern.

Manche Gefühle oder Handlungen kann man nur in einer einzigen Sprache in ein Wort fassen. Ein neues Buch stellt solche erstaunlichen Begriffe vor. Auch das Deutsche kann hier einiges beisteuern.

Torschlusspanik! Schnell noch eine Partnerin, rasch noch ein Kind, bevor es zu spät ist. Das klingt nach einem Konzept unserer Zeit der hinausgeschobenen Ehen und Geburten – und ist doch mittelalterlichen Ursprungs: Wer nicht rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit zurück in der Stadt war, musste vor den Mauern übernachten und war dabei mancherlei Unbill wie Räubern oder Wölfen ausgesetzt.

Die „Panik“ verweist auf Tumulte, wie jener von 1808 vor den Toren Hamburgs, als die Besucher des vorstädtischen Vergnügungsviertels St. Pauli am Sonntagabend alle zugleich zurück in die Stadt drängten. Wieder etwas gelernt! Und das von einem Italiener, der das Wort als unübersetzbaren Schatz der deutschen Sprache präsentiert.

In seinem soeben bei Piper erschienenen Brevier „Die kostbarsten Wörter der Welt“ führt Iacopo Melio, der auch als Politiker und Menschenrechtsaktivist bekannt ist, weitere Unikate des Deutschen vor, wie Augenstern, Sternenglanz und Waldeinsamkeit. Bei so viel romantischem Klischee darf auch die Wanderlust nicht fehlen: Sie „schwellt die freie Mannesbrust“, reimte Ludwig Bechstein 1832, und sie hat als Lehnwort das Vokabular der Angelsachsen, Dänen und Italiener bereichert.

Freilich meinen sie damit Fernweh, weil anderswo das zweckfreie Durchmessen von unverbautem Gelände lange keine vergleichbaren Leidenschaften weckte. Nicht vermerkt ist die unverzichtbare Schadenfreude, was wohl daran liegt, dass Melio in seinem Wohlfühlbüchlein positive Begriffe bevorzugt, die er dann mit abgedroschenen Phrasen aus Lebenshilferatgebern kursorisch erläutert.

Uns aber packt das schlechte Gewissen, wenn wir erfahren, dass es im Jiddischen ein freundliches Spiegelbild für uns Schadenfrohe gibt: Das dort häufig verwendete Verb „fargin“ wurzelt im „Vergönnen“ und meint das sonst seltene Gefühl eines selbstlosen Wohlwollens angesichts der Erfolge anderer. Auch der jiddische „Luftmentsh“ klingt viel akzeptabler, als wenn man ihn im originären Deutsch als realitätsfernen Traumtänzer umschreibt. Und während uns zu „taufrisch“ nur die Negation „nicht mehr ganz ...

“ einfällt, freuen sich Schweden, wenn sie sich beim Aufwachen „daggfrisk“ wie Morgentau fühlen. Vielleicht verraten sie uns in dieser Gemütslage sogar einen geografischen Geheimtipp, benannt als „Smultronställe“ – die Stelle, wo die Walderdbeeren wachsen. Boshaft können aber auch Kanadier werden. Es ist nicht fair, wenn jemand ständig um Rat fragt, aber am Ende stets ostentativ das Gegenteil von dem tut, was man ihm empfohlen hat.

Wer solchermaßen provoziert, darf sich nicht wundern, wenn man ihn mit dem englischen Kofferwort „Askhole“ beschimpft. Angenehmeres vermitteln uns die Finnen: Sich wohlig in ein weiches Sofa oder einen bequemen Lehnstuhl fallen zu lassen, beschert nicht nur diesen Nordländern eine „Hyppytyynytyydytys“, eine „Hüpfkissenbefriedigung“. Ebenfalls gut nachvollziehbar, wenn auch aus gesundheitlicher Sicht fragwürdig, ist ihr „Kalsarikännit“, über das ganze Bücher geschrieben wurden. Es handelt sich dabei, ähnlich wie beim italienischen Dolcefarniente, um eine landesspezifische Kulturform der Entspannung.

Wörtlich besteht sie darin, sich in Unterhosen daheim alleine zu betrinken. Wobei man uns versichert, dass der Alkoholkonsum nur Beiwerk sei, im Grunde gehe es um autonome und zwanglose Freizeitgestaltung. Zu Verwechslungen lädt uns Ahnungslose das Japanische ein. Nichts mit Sudoku hat „Tsundoku“ zu tun, ein Dialektwort aus dem späten 19.

Jahrhundert, bei dem es um die wohlbekannte Marotte geht, ständig neue Bücher zu kaufen und zu Hause anzuhäufen, ohne sie jemals zu lesen. Ebenso wenig Berührungspunkte hat der japanische Kren Wasabi mit „Wabi-Sabi“, der Schönheit des Unvollkommenen und Akzeptanz der Vergänglichkeit, einem Konzept des Zen-Buddhismus.

Handfester ist das Vergnügen daran, beim Klingeln an der Tür so zu tun, als wäre man nicht zu Hause: „Irusu“, aus „iru“ und „rusu“ , was im übertragenen Sinn auch für einzelgängerische Nonkonformität stehen soll. Chapeau! , muss man den Franzosen sagen. Den Archetyp des „Flâneur“ hat Baudelaire in die Literatur gebracht.

Später haben Georg Simmel und Walter Benjamin eine ganze Philosophie rund ums ziellose Herumstreifen in der urbanen Menge entwickelt. Den Flaneur haben wir deshalb ins Deutsche eins zu eins importiert – auch wenn uns in unserer hektischen Zeit zum Flanieren meist die Muße dazu fehlt. So wie den Italienern für die Siesta, aber ein wenig „meriggiare“ sollte doch drin sein: sich um die Mittagszeit draußen im Schatten ausruhen.

So holt man sich auch keinen Sonnenbrand und bleibt blass, während man in Gedanken versinkt: „Meriggiare pallido e assorto“, so beginnt ein berühmtes Gedicht von Eugenio Montale. Manche Ausdrücke erübrigen sich freilich für uns. Dass man nach dem Essen noch am Tisch sitzen bleibt und sich weiter unterhält, ist in unseren Breiten gang und gäbe. Nicht so in Spanien, wo man nach verzehrtem Mahle üblicherweise gleich aufbricht und ein „Sobremesa“ deshalb besondere Erwähnung verdient.

Allgemein und allzu menschlich ist hingegen die Schwäche, heimlich vom Essen zu probieren, noch bevor es serviert wird. Bei den puritanischen Norwegern gilt das geradezu als Eigentumsdelikt: „Tyvsmake“, also ein „Diebesschmecken“. Jetzt müsste noch schnell eine Schlusspointe her. Portugiesen fällt so etwas leichter ein, sie kultivieren die Kunst des „Desenrascançao“, der innovativen Lösung, die einem bei lang aufgeschobenen Problemen erst in letzter Minute einfällt, wenn das Adrenalin ins Hirn schießt. Gut, das kennen wir im Journalismus auch. Wir nennen es: Redaktionsschlusspanik.

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