Die Sarajevo-Safari: Keine Beweise für ausländische Scharfschützen

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Die Sarajevo-Safari: Keine Beweise für ausländische Scharfschützen
Sarajevo-Belagerung, Michael Martens, FAZ

Michael Martens von der FAZ widerlegt mit intensiver Recherche die Behauptungen eines neuen Buches, das westliche Ausländer als bezahlte Scharfschützen während der Belagerung Sarajevos darstellt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Quelle ausschließlich auf Gerüchten beruht und faktisch fehlerhaft ist.

Hunderte reiche, westliche Ausländer sollen während der Belagerung Sarajevos fürs Töten von Zivilist:innen bezahlt haben. Doch was davon ist tatsächlich belegt? Ein Interview mit FAZ -Korrespondent Michael Martens, der lange dazu recherchiert hat.

Michael Martens betont, dass es keine Belege für die angebliche “Sarajevo-Safari” mit ausländischen Scharfschützen gibt. Die Bücher von Ezio Gavazzini und Domagoj Margetić stützen sich auf Hörensagen, anonyme oder verstorbene Zeugen und enthalten viele Fehler. Michael Martens betont, dass es keine Belege für die angebliche “Sarajevo-Safari” mit ausländischen Scharfschützen gibt. Die Bücher von Ezio Gavazzini und Domagoj Margetić stützen sich auf Hörensagen, anonyme oder verstorbene Zeugen und enthalten viele Fehler.

Während der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1995 sollen Hunderte wohlhabende Ausländer gegen Geld von bosnisch-serbischen Stellungen aus auf Zivilist:innen geschossen haben. Am teuersten sei das Töten von schwangeren Frauen und Kindern gewesen. Seit November 2025 wurde diese Geschichte von zahlreichen Medien aufgegriffen – auch die WZ hat anfangs dazuAber was ist an diesen schwerwiegenden Behauptungen wirklich dran? Wir waren für unsere neue Doku in Sarajevo und sind der Sache auf den Grund gegangen.

Sie erscheint heute um 17:00 Uhr. In Wien haben wir außerdem mit Michael Martens gesprochen, dem Südosteuropa-Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Nach monatelanger Recherche kam er zu einem klaren Schluss: Hinter der Erzählung steckt viel heiße Luft – und eine äußerst dünne Beweislage. Herr Martens, Sie haben die letzten Monate sehr intensiv zur sogenannten Sarajevo-Safari recherchiert, auch vor Ort.

Was ist nach Ihrer Recherche an dieser Geschichte tatsächlich dran? In einem Wort könnte ich sagen: nichts. In mehreren Worten könnte ich sagen: Es handelt sich hier um eine Geschichte, in der ein Kern, den es gab, mit etwas völlig Ausgedachtem vermischt wird. Was es gab, war die jahrelange Belagerung Sarajevos.

Die ist durch das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag exzellent dokumentiert. Was es gab, waren serbische Scharfschützen, die über Jahre hinweg, zwischen 1992 und 1995, viele Hunderte Menschen getötet und noch viele mehr verwundet haben. Das alles gab es. Was es nicht gab: dass über Jahre hinweg Hunderte ausländischer Touristen Wochenende für Wochenende nach Sarajevo gekommen sind, um gegen Geld und aus Spaß Menschen zu töten.

Der italienische Thrillerautor Ezio Gavazzini hat das Buch „Die Wochenend-Scharfschützen“ geschrieben, das medial viel Beachtung bekommen hat. Er selbst war nie vor Ort in Sarajevo. Wie ist die Quellenlage im Buch? Gleich null.

Das ist ein Buch mit mehreren hundert Seiten, aber nachdem man es gelesen hat, weiß man genau nichts. Das ist für mich ein Fall von Recherchesimulation. Es gibt überhaupt keine richtigen Quellen, sondern nur Hörensagen. Ich habe das in einem anderen Zusammenhang überspitzt formuliert: „Ich selbst weiß nichts, aber der Bruder meines Friseurs hat einen Nachbarn, dessen Fahrer eine Ex-Frau hatte, deren neuer Freund in der Kneipe gehört hat, dass irgendjemand irgendwas gesagt hat.

“ Das ist das Niveau dieses Buches. Belege im Sinne von belegbarer Recherche gibt es nicht – es gibt nicht mal belegbare Indizien. Es gab einen russischen Ideologen und radikalen Schriftsteller, Eduard Limonow. Der hat tatsächlich zur Zeit der Belagerung Sarajevos von den serbischen Stellungen aus mit einem Maschinengewehr nach unten in die Stadt geschossen.

Ob er jemanden getroffen hat, weiß man nicht, aber davon gibt es Bilder. Diese Szene wird in dem Buch detailliert und korrekt beschrieben. Das Problem ist: Damit haben wir überhaupt nichts belegt. Damit wissen wir nur, was wir ohnehin schon wussten.

Aber nicht, dass – wie Gavazzeni und ein anderer Autor behaupten – Hunderte Ausländer durch eine Art Pauschal-Massentourismus über Jahre hinweg nach Sarajevo gekommen sind. Es gibt sehr viele Beispiele, ich nenne mal zwei. Für das erste muss man gar nicht nach Sarajevo fahren, um es herauszufinden.

Eine der Quellen von Gavazzeni erzählt ihm – ich glaube, es handelt sich um eine Frau – dass ihr Vater Offizier in der jugoslawischen Volksarmee gewesen sei und irgendwann dort den Dienst quittiert habe. Er sollte eine jugoslawische Einheit in Norilsk befehligen, und das habe er nicht gewollt. Nur: Norilsk ist eine Stadt im Norden Sibiriens, in Russland. Da kann man schwer eine jugoslawische Armeeeinheit befehligen.

Das sind so Kleinigkeiten, die zeigen, dass dieser Autor – der es nicht für nötig befunden hat, auch nur einmal in das Land zu reisen, in dem seine vermeintlichen Enthüllungen spielen –, die Topografie, das Land, die Hintergründe und die Geschichte nicht kennt. Und dafür gibt es viele weitere Beispiele. Gavazzeni schreibt, dass ein Franziskanermönch eine wichtige Quelle gewesen sei, die bestätigt habe, dass es diese italienischen Scharfschützen gab.

Nun habe ich in Sarajevo mit einem Franziskanermönch über eine Stunde lang gesprochen. Der war ganz überrascht und sagte: „Wer von uns soll das gewesen sein?

“ Die Franziskanermönche in Sarajevo sind keine riesige Gruppe, das sind ein paar Dutzend. Die kennen einander alle, die haben dort ihr Kloster. Auch die bestreiten das. Und so stößt man alle paar Seiten im Buch auf Widersprüchlichkeiten, Oberflächlichkeiten und Ungenauigkeiten.

Die Geschichte geht einfach nicht auf. Es gibt ja auch noch ein zweites Buch zu dem Thema vom kroatischen Autor Domagoj Margetić. Was wird darin behauptet? Ein Beispiel: Herr Margetić führt einen ehemaligen kroatischen Ministerpräsidenten an, der angeblich Einblick in Geheimdienstdokumente zur Sarajevo-Safari hatte.

Er ist vor gut zwei Jahren im Alter von 104 Jahren gestorben und soll alles Margetić erzählt haben – und zwar nur ihm, sonst niemandem. Das Interessante ist: Margetić schreibt, dass es diesen Politiker sehr bewegt und getroffen habe; er habe seine Seele erleichtern wollen. Nur: In den zweibändigen Memoiren dieses Politikers ist davon mit keinem Wort die Rede.

Das ist das Muster: Die Zeugen sind entweder nicht mehr unter uns oder werden – genauso wie im italienischen Buch – anonymisiert. Das kann im Journalismus manchmal nötig sein. Doch wenn sich ein ganzes Buch ausschließlich auf tote oder anonymisierte Zeugen stützt und damit derart schwerwiegende Vorwürfe begründet, ist das ein bisschen problematisch. Befürworter der Erzählung der Sarajevo-Safari beziehen sich oft auf Aussagen des amerikanischen Feuerwehrmanns John Jordan vor dem Kriegsverbrechertribunal.

Aber wie verlässlich sind diese tatsächlich? Das Kriegsverbrechertribunal hat über zwei Jahrzehnte lang gearbeitet und Tausende Zeugen vorgeladen. Nicht jeder Zeuge ist gleich glaubwürdig. Auch die Aussagen des amerikanischen Feuerwehrmanns sind vage. Und sie haben in der Urteilsfindung der entsprechenden Prozesse überhaupt keine Rolle gespielt, weil sie von den Richtern nicht für glaubwürdig erachtet wurden. Viele internationale Medien, darunter die BBC und die Times, haben die Geschichte der Sarajevo-Safari anfangs aufgegriffen und weitgehend unkritisch weitererzählt. Warum haben sich so viele Medien so schnell darauf gestürzt?

Das ist perfektes Clickbait und befriedigt ein gewisses Bedürfnis. Wir leben in einer Zeit, in der der Elitenhass ausgeprägter denn je ist. Eliten zu hassen, gehört fast zum guten Ton. Und es gibt leider Geschichten, wo es Gründe dafür gibt – man denke an die Epstein-Files.

Es gibt böse Menschen in den Eliten, wie es in jeder Gesellschaftsschicht böse Menschen gibt. Aber viele Menschen sind der festen Überzeugung, dass es eine Herrschaftsschicht gebe, die unheimlich böse Dinge macht – in der Regel reiche, westliche, weiße Männer, die selbst vor Mord an Kindern nicht zurückschrecken. Es gab ja in Amerika auch diesen Fall „Pizzagate“, der im Gegensatz zu den Epstein-Files nicht durch die Realität gedeckt ist.

Ich habe den Eindruck, dass bei einigen in der journalistischen Branche sämtliche innere Kontrollmechanismen fallen, sobald sie so eine Geschichte sehen. Ein zweites Element ist meine persönliche Vermutung: Diese Geschichte spielt am Balkan. Über diesen Teil Europas gibt es ein großartiges Buch der bulgarischen Historikerin Maria Todorova namens „Die Erfindung des Balkans“. Sie beschreibt, wie leicht sich alle möglichen Klischees dorthin auslagern lassen: Der Balkan ist halt ein bisschen wild, ein bisschen primitiv – dort machen die so etwas.

Die Täter sind zwar Italiener, aber wo werden sie zu Tätern? Auf dem bösen, zurückgebliebenen Balkan, wo die Leute „halt so sind“. Ich habe viele Menschen getroffen, die das bestritten haben: den erwähnten Franziskanermönch, aber auch Schriftsteller, Intellektuelle und Professoren, die sich damit auskennen. Sarajevo hat schrecklich gelitten.

An serbischen Wochenendscharfschützen, an Berufsscharfschützen und an der Belagerung, die mehr als 10.000 Menschenleben gekostet hat. Dieses Leid sollte man nicht in Abrede stellen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Land lange vom Westen im Stich gelassen wurde. Es gibt aber Menschen, die dazu neigen, die Geschichte der Sarajevo-Safari zu glauben – vielleicht, weil es das eigene Leid noch einmal hervorhebt.

Nach dem Motto: Wir wurden nicht nur von den bösen Serben belagert, sondern da kamen auch noch Leute, die unsere Kinder und unsere Frauen zum Spaß wie Hasen gejagt haben. Sie haben es schon angesprochen: In Sarajevo gab es während der Belagerung Tausende Tote, darunter auch Opfer von Scharfschützen. Worauf sollte sich die Aufmerksamkeit Ihrer Meinung nach also eher richten?

Der kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović, der selbst in Sarajevo geboren wurde und die ersten zwei Jahre der Belagerung dort verbrachte, hat das gut auf den Punkt gebracht. Er sagt: Diese Geschichte ist eine Verhöhnung der echten Opfer, die jetzt für eine Pulp-Fiction-Geschichte instrumentalisiert werden. Man sollte immer wieder daran erinnern, dass eine europäische Hauptstadt am Ende des 20. Jahrhunderts jahrelang unter einer schrecklichen Belagerung litt.

Das ist die wahre Geschichte – und die kann man erzählen. Dafür braucht es keine sensationalistischen Übertreibungen. Man könnte über diese schrecklichen Ereignisse eine beklemmende und packende Netflix-Doku oder einen Spielfilm machen. Da muss man keine Räuberpistolen dazuerfinden.

Die Realität war schrecklich genug. Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unterMichael Martens ist ein deutscher Journalist und Autor. Er berichtet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Wien über den Südosten Europas, wohin er regelmäßig reist. Die bosnische Hauptstadt Sarajevo wurde während des Bosnienkriegs von 1992 bis Ende 1995 von bosnisch-serbischen Truppen belagert.

Mehr als 10.000 Einwohner:innen Sarajevos kamen durch den jahrelangen Beschuss der Stadt ums Leben. Besonders gefürchtet waren Scharfschützen, die aus den umliegenden Höhen auf Menschen in der Stadt schossen. Unter dem Schlagwort Sarajevo-Safari wird behauptet, wohlhabende Ausländer hätten während der Belagerung Geld dafür bezahlt, von bosnisch-serbischen Stellungen aus auf Zivilist:innen in Sarajevo zu schießen. In manchen Darstellungen ist von Hunderten Beteiligten, vor allem aus Italien, die Rede.

Auch Österreicher sollen beteiligt gewesen sein. Aber woher stammt diese Erzählung überhaupt? Zu den wichtigsten neueren Quellen zählen der Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič aus 2022, Ezio Gavazzenis Buch „I cecchini del weekend“ und Domagoj Margetićs „Plati i pucaj“, beide aus 2026. Die Vorwürfe werden inzwischen in mehreren Ländern strafrechtlich geprüft.

Auch in Österreich gibt es seit April 2026 ein Ermittlungsverfahren gegen zumindest einen österreichischen Staatsbürger wegen einer möglichen Beteiligung. Die Geschichte ist nicht erst 2022 entstanden. Bereits 1995 berichtete die bosnische Zeitung „Oslobođenje“ über angebliche Menschenjagden. Laut Martens enthielt auch dieser damalige Bericht keine handfesten Belege.

Wir haben diese Nachrichten zusammengefasst, damit Sie sie schnell lesen können. Wenn Sie sich für die Nachrichten interessieren, können Sie den vollständigen Text hier lesen. Weiterlesen:

WienerZeitung /  🏆 19. in AT

Sarajevo-Belagerung Michael Martens FAZ Ezio Gavazzini Kriegsverbrechen

 

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