Ungarn. Jahrelang lebte meine Mutter in einer Informationsblase. Doch dann kam die Wahlnacht und ein Umbruch, der auch sie erreichte.
Ungarn. Jahrelang lebte meine Mutter in einer Informationsblase. Doch dann kam die Wahlnacht und ein Umbruch, der auch sie erreichte. Sie war bis 12.
April Fidesz-Anhängerin. In der Wahlnacht merkte sie jedoch, dass etwas nicht stimmte, und innerhalb eines Tages begann sie sich – nach 16 Jahren voller schlichter Lügen – plötzlich für die Realität zu interessieren. Dieser Text handelt von ihr. Meine Mutter war nie eine wirklich überzeugte Fidesz-Anhängerin, sie interessierte sich nicht aktiv für Parteipolitik, aber sie schaute die Nachrichten der staatlichen Sender M1 und TV2, respektierte und mochte vielleicht sogar Ministerpräsident Viktor Orbán und Außenminister Péter Szijjártó.
Sie war zutiefst einverstanden mit der Familienpolitik der Regierung, der Unterstützung für Ungarn jenseits der Grenzen und im Allgemeinen mit fast allem, was Fidesz tat. Vor Jahren habe ich einige unabhängige Medienartikel auf ihre Facebook-Seite geteilt, damit sie zumindest Schlagzeilen außerhalb der von den Regierungsmedien geschaffenen Blase sieht. Da sie sich jedoch nie wirklich aktiv mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigte, interessierten sie aktuelle politische Themen kaum. Auch wir sprachen selten darüber.
In den vergangenen zwei Jahren begann ich zu hoffen, dass sie die dunkle, schmutzige Seite der Macht erkennen würde, mit der ihre Tochter täglich in ihrer Arbeit konfrontiert ist. Doch das reichte nicht gegen die Welle von Lügen, die die Regierungsmedien täglich verbreiteten. Ich habe ihr das nie vorgeworfen, sondern akzeptiert, dass wir in unterschiedlichen Realitäten leben. Trotzdem gab ich die Hoffnung nie ganz auf, dass wir eines Tages dasselbe über unser Land denken würden.
Obwohl ich seit zehn Jahren als Journalistin politische Themen in Familiengesprächen vermeide, fragte ich sie Anfang Februar doch, ob sie wieder Fidesz wählen würde. Ihre Antwort war gereizt und ernüchternd: „Du glaubst doch nicht, dass ich jemanden wähle, der die Steuern erhöhen wird? Ihr habt damals nicht gelebt, als …“ Ich beendete das Gespräch schnell. Es war klar, dass sie die angeblichen Steuerpläne der Tisza-Partei aus den Regierungsmedien gehört hatte.
Dass ein Gericht diese „Pläne“ als glatte Lüge entlarvt hatte, war bei ihr nicht angekommen. Ich überlegte kurz, sie darauf vorzubereiten, dass Fidesz diese Wahl wohl nicht gewinnen würde, aber ihre ablehnende Haltung hielt mich davon ab. Dann kam der 12. April.
Tisza gewann – und zwar deutlich. Ich beschloss, Gespräche über die Wahlergebnisse so lange wie möglich zu vermeiden. Nicht aus Angst vor Vorwürfen, sondern weil ich nicht wollte, dass sie wahrnimmt, wie sehr ich mich freute.
Schließlich hatte sie mir auch nie unter die Nase gerieben, dass Fidesz zuvor mehrmals mit Zweidrittelmehrheit gewonnen hatte. Wir machten einfach weiter wie zuvor, als würde Politik mein Leben nicht beeinflussen – als hätte die Staatspartei nicht jahrelang die unabhängigen Medien bedroht und Journalisten als „zu vernichtende Insekten“ bezeichnet. Am Tag nach der Wahl schrieb sie mir dann plötzlich, ob sie mich anrufen dürfe. Ich versuchte, traurig zu klingen, doch sie wollte den Small Talk ungewöhnlich schnell hinter sich bringen.
Dann sagte sie aufgeregt: „Ich habe den ganzen Tag darauf gewartet, dich anzurufen, damit du mir endlich erklärst, wer dieser Péter Magyar ist und was er vorhat.
“ Für einen Augenblick war ich sprachlos. Es klang nicht nach Vorwurf, sondern nach echtem Interesse – doch nach all den Jahren war es schwer, das zu glauben. Als sie immer mehr Fragen stellte – ob die Tisza-Regierung wirklich die Steuern erhöhen werde, ob das Gesundheitswesen kostenpflichtig werde –, wurde mir klar, dass sie ehrliche Antworten suchte. Ich begann, die Propagandalügen zu widerlegen, die sie gehört hatte, und sie war zunehmend erstaunt.
Schließlich fragte ich sie, was passiert sei. Sie erzählte, dass sie schon Wochen zuvor in sozialen Medien gesehen habe, wie viele Menschen die Tisza-Partei unterstützten. In den letzten Tagen hatte sie trotz aller Regierungspropaganda das Gefühl, dass Fidesz verlieren würde. Wenn sie einfach auf den Sieger hätte setzen wollen, hätte sie Tisza gewählt – tat sie aber nicht.
Das zeigt, wie stark die aggressive Propaganda, die Angstkampagnen und die selbstsicheren „Wir werden gewinnen“-Botschaften wirkten, selbst als die Realität längst eine andere war. Meine Mutter sagte, sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen und darüber nachgedacht, wie es sein könne, dass Fidesz monatelang einen überwältigenden Sieg versprochen hatte – und dann Tisza mit Zweidrittelmehrheit gewann. In dieser Nacht wurde ihr klar: Man hatte sie belogen. Nicht nur sie, sondern alle Fidesz-Wähler.
Noch in derselben Nacht beschloss sie, am nächsten Tag herauszufinden, worüber man sie noch belogen hatte. Deshalb rief sie mich an. Mit der Begeisterung von 16 Jahren versäumter Gespräche erzählte ich ihr von Péter Szijjártó, Lőrinc Mészáros, dem russischen Geheimdienst, Korruption, Propaganda, der Vereinnahmung nationaler Symbole und Diffamierungen. Immer wieder sagte sie erstaunt: „Davon haben wir nichts gehört.
“ Am Ende unseres einstündigen Gesprächs sagte sie selbst: Sie habe bisher in einer Blase gelebt, sei darin gehalten worden – und jetzt öffneten sich ihre Augen. Sie sagte auch: Hätte sie das früher gewusst, hätte sie anders gewählt. Doch dabei blieb es nicht: Sie sah sich eine Dokumentation über Péter Magyar an, dann hörte sie sich Interviews an und begann, Videos über Reichtum und Machtstrukturen der Familie Orbán anzuschauen. Sie schickte sie mir begeistert weiter.
Meine Mutter entwickelte einen Wissensdurst, wie ich ihn noch nie bei ihr gesehen hatte. Das nenne ich echtes Erwachen. Ein Erwachen aus einer Realität, in der man ihr eingeredet hatte, alles sei in Ordnung – und wenn etwas schlecht sei, liege es nicht an der Regierung, sondern an den Ukrainern, an Brüssel oder an Péter Magyar. Dieses Erwachen ist etwas Positives, ja, etwas, was man feiern sollte.
Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass man jahrelang getäuscht wurde. Ich bin stolz auf meine Mutter. Auch wenn sie meint, dass nach einem solchen Wahlergebnis „jeder vernünftige Mensch stutzig sein“ müsste. Leider ist es nicht so selbstverständlich.
Die Fidesz-Regierung hat in den letzten 16 Jahren alles getan, damit viele Menschen die Blase, in der sie leben, gar nicht verlassen konnten. Und genau das werde ich Fidesz auch nie verzeihen: Durch die Kontrolle aller regionalen Medien, durch staatliche Fernsehsender auf Kosten der ungarischen Steuerzahler konnten sie fast die gesamte Öffentlichkeit so manipulieren, dass ihr kaum eine Chance blieb, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Sie schürten Angst, verbreiteten Drohungen und machten Menschen fertig, nur weil sie die Regierung kritisierten. Kitti Fődi studierte Medien und Kommunikation in Budapest und Dokumentarfilm in Norwegen. Sie arbeitet als Videojournalistin bei 444.hu, einem der führenden unabhängigen Nachrichtenportale in Ungarn.
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