Der Pädophile an ihrer Seite: Léa Seydoux ist in „Gentle Monster“ fassungslos

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Der Pädophile an ihrer Seite: Léa Seydoux ist in „Gentle Monster“ fassungslos
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Sie glänzt als Bond-Girl ebenso wie in den Comedy-Extravaganzen Wes Andersons und der tabubrechenden Body-Art David Cronenbergs: Ein Treffen mit der französischen Charakterdarstellerin Léa Seydoux in Cannes – und ein Gespräch über ihre Rolle in Marie Kreutzers Pädo-Psychothriller „Gentle Monster“.

Ein Treffen mit der französischen Charakterdarstellerin Léa Seydoux in Cannes – und ein Gespräch über ihre Rolle in Marie Kreutzers Pädo-Psychothriller „Gentle Monster“. Die Kunst, aus allen Wolken zu fallen, kann man anhand der Performance studieren, die Léa Seydoux im Zentrum des Films „Gentle Monster“ wagt.

Als Musikerin, die feststellen muss, dass ihr psychisch angeschlagener Mann wegen des Besitzes von Kindesmissbrauchsdarstellungen ins Visier der Polizei geraten ist, sieht sie das gemeinsame Leben jäh zu Bruch gehen. Den bangen Fragen, die in ihr aufkeimen, begegnet sie, um das Unfassbare nicht glauben zu müssen, mit Rundumschlägen und verzweifelten Erklärungsversuchen: Hat ihr Partner diese Files nur aus Recherchegründen für ein Kunstprojekt auf seinen Rechner geladen? Oder wollte er sie bloß weiterverkaufen?

Der Schatten des Skandals um den Schauspieler Florian Teichtmeister liegt über „Gentle Monster“. Die Wiener Regisseurin und Autorin Marie Kreutzer hat den Fall vor vier Jahren, rund um den Kinostart ihres Films „Corsage“, hautnah erlebt: Sie musste sich Vorwürfen stellen, nicht früh genug gehandelt und angenommen zu haben, dass die Anschuldigungen, die gegen Teichtmeister, einen Nebendarsteller in „Corsage“, erhoben wurden, sich als haltlos erweisen würden.

Filmfestspiele Cannes, Mai 2026: Regisseurin Marie Kreutzer steht zwischen ihren Darstellerinnen Léa Seydoux und Catherine Deneuve , rechts außen: Laurence Rupp, links außen: Jella Haase. Filmfestspiele Cannes, Mai 2026: Regisseurin Marie Kreutzer steht zwischen ihren Darstellerinnen Léa Seydoux und Catherine Deneuve , rechts außen: Laurence Rupp, links außen: Jella Haase. Tatsächlich aber, sagt Kreutzer nun im profil-Interview, habe sie das Drehbuch zu „Gentle Monster“ schon 2020 entworfen; die Ereignisse um Teichtmeister hätten den Stoff nicht verändert.

„Zuerst haben sie mich eher gebremst, und ich dachte, ich könne den Film nun nicht mehr machen – und dann haben sie mich bestärkt. “ Der Mann in ihrem Film sei „ein ganz anderer Charakter“. Und doch sei ihr „auf einer wesentlich weniger persönlichen und traumatischen Ebene etwas Ähnliches passiert“ wie ihrer Hauptdarstellerin: „Jemand, den man zu kennen geglaubt, dem man vertraut hat, entpuppt sich als ein Fremder.

“Filmfestspiele in Cannes, Mai 2026. Im Festivalhauptquartier des französischen Kino-Promotion-Unternehmens Unifrance, das in einer Seitengasse der belebten Rue d’Antibes liegt, wartet die Schauspielerin Léa Seydoux in einem weitläufigen, leicht abgedunkelten Raum auf ihr nächstes Interview. Die Vorstellung muss in Sekunden ablaufen,Die Aura der Perfektion umweht Seydoux, sanftes Lächeln, unaufdringliches Make-up, edle Textilien. Ihre fast schon weltferne Schönheit benutzt sie wie einen Panzer, hinter dem sie abtaucht in eine Zurückhaltung und Menschenscheu, die ihr niemand zum Vorwurf machen kann.

Die öffentliche Frau, zu der sie in 20 Jahren schauspielerischer Arbeit geworden ist, lebt im Licht der Projektoren, auf der Leinwand, wo sie in Überlebensgröße wilde Dinge tut – kaltblütig öffnet sie für eine Kunstaktion die Bauchdecke ihres Partners in David Cronenbergs „Crimes of the Future“ , und sie steht auch dem todgeweihten James Bond in „Spectre“ und „No Time to Die“ zur Verfügung – und extravagante Komödien bereichert . Im wirklichen Leben ist sie von Vehemenz und Wildheit weit entfernt: Léa Seydoux spricht leise und bedächtig, als ginge sie mit jeder Wortmeldung das Risiko einer falschen Antwort ein.

Mit Marie Kreutzer habe sie „natürlich“ über Teichtmeister gesprochen, mehr will sie vorsichtshalber dazu nicht sagen. Über die vielfältigen psychischen Ausnahmezustände, die sie als Lucy in „Gentle Monster“ darzustellen hat, spricht sie lieber: Trauer, Panik, Angst und Hoffnung greifen in ihrem Spiel ineinander.

Die Komplexität der Figur, sagt Seydoux, sei die Stärke dieser Erzählung, die sich „durch die Augen dieser Frau entfaltet, und wir, die wir alldem zusehen, sind darüber schockiert oder nähren vielleicht auch eine Art Zuversicht – genau wie Lucy selbst. Wir fühlen mit ihr. Sie liebt diesen Mann, will nicht glauben, dass er sich an Missbrauchsbildern erregt; so gerät sie in ein emotionales Chaos und eine gewisse Isolation.

“ Am Kino liebe sie besonders die nonverbale Kommunikation: „Es ermöglicht mir, innere Abläufe ohne Worte, körperlich auszudrücken. “ Eine Rolle nehme sie nur an, wenn sie das Gefühl habe, „dass ich ihr etwas Besonderes, eine bestimmte Dimension verleihen“ könne.

Die Übergriffe, die Seydoux – geboren im Sommer 1985 in eine großbürgerliche Pariser Industrie- und Kulturfamilie – im Lauf ihrer Karriere selbst erleben musste, haben wohl zu ihrer Entscheidung beigetragen, am Unternehmen „Gentle Monster“ teilzunehmen: Sie hat 2013 die unzumutbaren Zustände am Set von „Blau ist eine warme Farbe“ beklagt und 2017 auch Harvey Weinsteins kriminelles Verhalten öffentlich gemacht. Im Abspann von „Gentle Monster“ dankt Marie Kreutzer „all ihren Hatern“, die sie darin bestärkt hätten, diesen Film zu stemmen, der es schließlich nach Cannes, in den Wettbewerb um die Goldene Palme, geschafft hat.

„Jeder Shitstorm macht einen in diesem Beruf stärker. Kann ich nur empfehlen! Denn man muss lernen, sich von den Meinungen anderer abzugrenzen, von den wohlmeinenden ebenso wie von den hasserfüllten. Deshalb sind Shitstorms eine gute Schule.

“ Wie ihre Heldin habe auch sie sich damals an die Hoffnung geklammert, die Teichtmeister-Anschuldigungen könnten nur ein Missverständnis sein. „So sind wir alle“, sagt Kreutzer. „Das ist der typische Reflex: Man gewährt, wenn es um jemanden geht, den man mag, stets den benefit of the doubt. Darüber wollte ich einen Film machen: wie die Gesellschaft mit solchen Fällen umgeht.

Man will es nicht wahrhaben, will es nicht sehen.

“ Die Eklats um „Corsage“ haben Wunden in ihr geschlagen. „Ich hinterfrage immer wieder, wie das damals gelaufen ist, was man anders hätte machen können; ich weiß heute einfach mehr darüber und könnte vieles besser formulieren als damals. Es war eine Erfahrung, die mich stärker, aber auch demütiger gemacht hat.

“ In „Gentle Monster“ hat Kreutzer erstmals mit französischen Weltstars gearbeitet – neben Seydoux spielt die große Catherine Deneuve eine Nebenrolle –, und das folge eben bestimmten Regeln: „Die Parameter sind ein bisschen anders, die Infrastruktur unterscheidet sich. Aber es ist mit jedem Schauspieler, jeder Schauspielerin immer neu und jedes Mal anders. Man muss mit jedem und jeder eine eigene Sprache finden.

“ Marie Kreutzers Inszenierung fokussiert nicht auf den Täter, sondern auf die psychologische Vertrauenskrise, die Lucy durchlebt. Der erhöhte Druck, der sich ergibt, wenn man eine starbesetzte europäische Arthouse-Koproduktion zu einem derart schwierigen Thema ins Auge fasst, ist in „Gentle Monster“ zu spüren: Léa Seydoux spielt kraftvoll gegen die Beengungen des Drehbuchs an, und Kamerafrau Judith Kaufmann setzt das Drama in elegante Bilder, aber vieles an dem Film erscheint zu thesenhaft, zu ausgedacht, um wirklich zu verstören.

Der um eine Pädokriminalistin kreisende Subplot verdoppelt das Motiv fehlgeleiteter männlicher Sexualität , und selbst die Songs, die Lucy in ihren Konzerten avantgardistisch dekonstruiert, kommentieren die Handlung überdeutlich: von „Would I Lie to You“ bis „Boys Don’t Cry“. Die Regisseurin hält dagegen: „Ich glaube, viele Frauen sehen das anders, denn die Vielfalt misogyner Vorfälle ist immens, das alles kommt praktisch täglich vor.

“ Sie wolle damit nicht sagen, dass „Gentle Monster“ nur ein Film für Frauen sei. „Aber das Erzählte kommt aus gelebter Erfahrung. Mit solchen Dingen haben wir unentwegt zu tun.

“Schauspielen sei nicht immer angenehm, meint Seydoux. Man probiere wie in einem Labor Dinge aus, die eben nur manchmal funktionierten.

„Schauspiel ist keine exakte Wissenschaft. Man muss sich damit auseinandersetzen,Es ist eine Konfrontation.

“ Und dann finde man, mit ein bisschen Glück, plötzlich so etwas wie die Wahrheit. Das Kino, sagt sie noch, sei eine Möglichkeit, „die Welt zu hinterfragen“. Dieinteressiere sie mehr als alles andere. Das Lampenfieber, das sie ständig begleitet, nutzt sie produktiv, sie braucht Adrenalin und Anspannung.

„Ich arbeite eher instinktiv, versuche, meine Figuren wirklich zu. Ich mag es, wenn meine Rollen greifbar bleiben, nicht zu sehr ins Fantastische tendieren.

“ Seit mehr als einem Jahrzehnt geht Léa Seydoux nun schon weit über das französische Kino hinaus, arbeitet sehr konsequent auch an englischsprachigen Projekten. In den USA sei sie „momentan eher im Independent-Kinobereich aktiv“. Allein dieses Jahr habe sie dort zwei Indie-Filme gedreht: „eine sehr lustige, absurde Science-Fiction-Komödie“, inszeniert von Nathan und David Zellner, sowie eine Neuverfilmung von Edgar Allan Poes „Die Maske des roten Todes“. Sie habe das gute Gefühl, dass ihre Rollen „immer anspruchsvoller werden“.

Tatsächlich ist Seydoux’ künstlerisches Spektrum faszinierend: Sie dreht Action-Blockbuster und Historienspektakel im Wechsel mit eigenwilligen Kunstprojekten.

„Ich liebe es, mich anzupassen, meine Gestalt und Wirkung zu verwandeln. Ich will ein Chamäleon sein. Ich liebe es, aufzutauchen und wieder zu verschwinden.

“Die Filmemacherin Marie Kreutzer hat mit „Gentle Monster“ das vielleicht gewagteste Projekt ihrer Karriere ins Auge gefasst. Sie exorziert damit auch die Dämonen ihrer jüngeren Vergangenheit. Beim Festival in Cannes nimmt die Österreicherin dieser Tage am Rennen um die Goldene Palme teil.

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