Als Gitarrist der britischen Band Pulp hat er gerade eine globale Tournee hinter sich gebracht. Im Wiener Filmmuseum stellt er heute Abend die irrlichternden Werke der New Yorker Avantgarde-Legenden Ken und Flo Jacobs vor: Mark Webber ist als Musiker, Filmkurator und Autor ein Weltreisender.
Als Gitarrist der britischen Band Pulp hat er gerade eine globale Tournee hinter sich gebracht. Im Wiener Filmmuseum stellt er heute Abend die irrlichternden Werke der New Yorker Avantgarde-Legenden Ken und Flo Jacobs vor: Mark Webber ist als Musiker, Filmkurator und Autor ein Weltreisender.
Bloße Äußerlichkeiten geben in der Regel keinerlei Aufschluss darüber, welche Ideen und Fähigkeiten in einem Menschen stecken. Wer beispielsweise dem Londoner Mark Webber begegnet, ohne Näheres von ihm zu wissen, würde wohl kaum auf die Idee kommen, dass dieser Mann seit 30 Jahren eine Karriere im Zenit der britischen Pop-Gegenwart unterhält, soeben eine Welttournee hinter sich gebracht hat und nebenbei noch zu den internationalen Koryphäen im Feld der Avantgarde- und Underground-Filmgeschichte zählt.
Webber, ein Brite mittleren Alters und von eher geringer Statur, spielt sich ungern auf, kultiviert lieber freundliche Bescheidenheit und klassisches Understatement, das allerdings gut zu der Band passt, in der er spielt: Denn Pulp, das aus Sheffield stammende Quartett um den dandyesk-charismatischen Sänger Jarvis Cocker, ist selbst auf Süffisanz und Kaltschnäuzigkeit, nah am Abgrund gebaut. Seit bald 50 Jahren existiert Pulp bereits, gegründet 1978 von dem damals 15-jährigen Cocker, in wechselnden Besetzungen; 1983 veröffentlichte man den ersten Tonträger und kämpfte sich ohne nennenswerte Erfolge bis in die mittleren 1990er-Jahre durch.
Erst das vierte Album, das Cocker 1994 „His’n’Hers“ nannte, schlug mit Songs wie „Do You Remember the First Time“ in die Herzen einer größeren musikliebenden Öffentlichkeit ein. Mit der sarkastischen Hymne „Common People“, das sich ein Jahr später auf dem Nachfolgealbum „Different Class“ fand, konnte Pulp endgültig die Charts stürmen.
Mark Webber, heute 56, stieg damals – nachdem er jahrelang den Fanclub der Band geleitet und auch als deren Tourmanager gearbeitet hatte – als Gitarrist ein, gerade als der Erfolg kam. Der jähe Aufstieg in seinem Beisein sei natürlich alles andere als ein Zufall, lacht Webber, der seither viele Pulp-Songs mitgeschrieben hat.
„Do You Remember the First Time“ sei der erste gewesen, an dem er kompositorisch mitgewirkt habe. Tatsächlich könne er bis heute kaum glauben, dass Cocker und sein Team ihn just in dem Moment aufgenommen haben, „als sie kurz davor standen, groß zu werden. Sie hätten diesen Durchbruch nicht mit mir teilen müssen.
“ Ein spielerischer neuer Dokumentarfilm, der den Titel „Pulp: What Do You Do for an Encore“ trägt, detailliert nun die Um- und Abwege, die die Band genommen hat – und mischt das Archivmaterial mit Szenen aus zwei Konzerten, die Pulp im Juni 2025 in der Londoner O2-Arena vor je 20.000 Menschen absolviert hat. Im Wiener Gartenbaukino wird der Film am 3. Oktober in Anwesenheit Webbers gezeigt werden, auf der Streaming-Plattform Mubi läuft er auch.
Regisseur Garth Jennings ist ein alter Bekannter, er hat 1998 schon zwei Videos für Pulp gedreht: Clips zu „Help the Aged“ und „A Little Soul“, Songs aus dem legendären Doppelalbum „This is Hardcore“. Mark Webber ist ein wenig müde. In seinem Haus in London, in dem er mit seiner Frau, der Filmkuratorin María Palacios Cruz und der gemeinsamen Tochter lebt, lässt er – per Zoom mit profil verbunden – die vergangenen Jahre Revue passieren.
Zwei kräftezehrende Welttourneen liegen hinter ihm, die Reunion-Konzertreisen 2023/24 und die „More“, das erste Pulp-Album seit 24 Jahren begleitende Tour 2025/26. Das letzte Konzert fand am 5. September statt.
„Ich merke, ich werde älter“, stöhnt Webber. Sein Leben bestehe seit 2023 zu etwa 60 Prozent aus Pulp, zu zehn Prozent aus seiner Beschäftigung mit Filmen und Buchprojekten – und zu 30 Prozent aus Familie und Erholung von den Arbeitsstrapazen.
„Wir haben immerhin keine dieser Welttourneen gemacht, bei der man einfach loszieht und nie wieder nach Hause kommt. Es waren stets kurze Abschnitte von höchstens drei Wochen, teuer organisiert, damit wir bequem reisen konnten und nicht hetzen mussten. Aber wenn ich nach Hause kam, blieb nie genug Zeit, um mich längerfristig mit anderem zu beschäftigen. Und ich habe einfach nicht mehr die Energie, die ich früher hatte.
Bei uns zu Hause stehen so viele unberührte Bücher im Regal, ich will eigentlich nur noch daheim sein und lesen. Andererseits sind Tourneen auch eine großartige Gelegenheit, um die Welt zu reisen, Länder zu sehen, in die man sonst nie käme. Es ist zweischneidig.
“Über sein seit Jahrzehnten andauerndes Pulp-Abenteuer hat Webber 2024 eine Publikation veröffentlicht, in der er Fotos und Erinnerungsstücke, Flyer, Setlists und Konzerttickets versammelt hat. Sie heißt, charakteristisch verquer, „I’m With Pulp, Are You?
“ Bücher mit Ephemera geliebter Bands wie The Velvet Underground oder den Beach Boys habe er immer gemocht, sagt Webber. „Als ich Fanclub- und Tourmanager war, habe ich viele Fotos von der Band gemacht, daher ist diese Zeit gut dokumentiert. Das war lange, bevor Pulp zu einem Geschäft wurde. Es war absurd und verrückt, in einem Band-Van durchs Land zu fahren.
“An einem Buch über das Schaffen des Wiener Kinokünstlers Peter Kubelka arbeitet Webber seit Jahren, daher reist er immer wieder auch nach Wien. Derzeit hält er sich in der Stadt auf, um im Österreichischen Filmmuseum Videoarbeiten des 2025 verstorbenen New Yorker Künstlerpaars Ken und Flo Jacobs zu präsentieren – am 30. September um 18 und 20.30 Uhr.
Das vielgestaltige Kino deses Künstlers stellt Webber vor: der US-Avantgardist Ken Jacobs, 1969 Die beiden Programme konzentrieren sich auf deren digitale Arbeiten aus den Jahren 2005 bis 2011.
„Diese Werke haben nicht genug Aufmerksamkeit erhalten. Sie sind einzigartig, scheinen mir ihrer Zeit weit voraus zu sein.
“ Flo Jacobs, die auch als Malerin gearbeitet hat, war eine treibende, meist ungenannte Kraft in den Filmen ihres Mannes. „Sie stand ihm stets zur Seite, war sein erstes und wichtigstes Publikum. Webber kannte Flo und Ken Jacobs gut.
„Sie waren die ersten Avantgarde-Filmemacher, die ich 1997 kennengelernt habe, sehr zugänglich und herzlich. Wir befreundeten uns, sie beschenkten meiner Tochter und bereiteten mit ihr Eis zu. Jedes Mal, wenn ich nach New York fuhr, besuchte ich sie in ihrem Loft.
“ Zum experimentellen Film kam Webber früh: Als Teenager, in den 1980er-Jahren, entdeckte er Velvet Underground und Andy Warhols Arbeit, begann die US-Avantgarde zu studieren. „Damals hatte man in London keinen Zugang zu solchen Filmen. Ich konnte nur dazu lesen und darüber fantasieren.
“ Um 1997 begann er kuratorisch zu arbeiten, Filmvorführungen zu organisieren, mit den Kunstschaffenden in Kontakt zu treten – während er parallel dazu das Pulp-Album „This is Hardcore“ mit komponierte und einspielte.2002 wurde die Band erstmals ad acta gelegt. Erst 2011 kam Pulp für eine Konzertserie wieder zusammen, ohne aber neues Material einzuspielen. 2013 ließ man es wieder sein.
Als die Idee 2022 aufkam, erneut auf Tour zu gehen, sagt Webber, „war es neun Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gemeinsam in einem Raum aufgehalten hatten. Wir pflegen keinen engen Kontakt miteinander.
“ Es sei aber wie in einer Familie, immer ein bisschen nervig. „Man sucht sich nicht aus, mit wem man verwandt ist, aber man ist mit diesen Menschen verbunden, verbringt Zeit mit ihnen. Und bei Pulp zu sein, ist ein bisschen so. Wir haben einander irgendwann wohl ausgesucht.
Aber das ist längst vergessen. Wir haben diese gemeinsame Erfahrung gemacht. Und wenn wir zusammenkommen und Musik machen, ist da immer noch etwas. Es ist seltsam, fast unerklärlich.
“ Webbers Tochter kam nach dem Ende der Tournee 2013 zur Welt. „Sie ist mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ich so etwas wie ein Musiker war, aber zu Hause spiele ich nie Gitarre. Insofern machte es mir Freude, ihr zeigen zu können, was ich in meinem Leben gemacht habe.
“ Die Zeit aber schreitet voran: „Wir fühlen uns alt. Wir hätten uns alle nie vorstellen können, dass wir in diesem Alter noch auftreten würden. Das hält Jarvis natürlich nicht davon ab, mit 63 auf der Bühne herumzuspringen.
“ Wie eine Demokratie hat es sich im Inneren der Band nie angefühlt, lächelt Webber. „Aber man braucht einen starken Anführer mit einer Vision. Deshalb hatte Jarvis immer das letzte Wort. Aber diesmal hat er viel stärker als früher die Führung übernommen; er hat einfach klare Vorstellungen davon, was er will.
Und er interessiert sich nicht sonderlich für die Meinungen anderer.
“ Konflikte halten sich bei Pulp dennoch in Grenzen: „Manchmal gibt es Unzufriedenheit. Wir kennen uns so gut. Im Grunde vertrauen wir alle bis zu einem gewissen Grad auf Jarvis’ Urteilsvermögen. Und wir wissen, wann es sich lohnt, darüber zu streiten.
Meistens lohnt es sich nicht wirklich.
“Eine mehrheitsfähige Band: Jarvis Cocker, fotografiert von Mark Webber, während eines Konzerts in Manchester 2026 Ein besonders ambitionierter Musiker sei er übrigens nicht, gesteht Webber. „In dieser Band ist niemand musikalisch besonders versiert. Wir haben alle sehr unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten. Deshalb ist die Musik so interessant.
“ Die Möglichkeit eines nächsten Albums schließt Webber zumindest nicht ganz aus. „Im Moment würde ich sagen: Ich weiß es nicht. Vor zwei Monaten noch hätte ich gesagt: keine Chance. Wir haben gerade erst eine Tour beendet, dann kam die Filmpremiere.
Wir hatten keine Zeit, getrennt voneinander darüber nachzudenken. Jarvis spricht nicht mit uns, aber er gibt dauernd Interviews, in denen er sagt: Das ist nicht das Ende. Wer weiß also? “
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