Fang Fang ist die Königin der kurzen Form. Das beweist sie wieder in ihrem neuen Buch.
Das Setting von „Ich geh jetzt los und bring mich um“ erinnert treue Leserinnen und Leser der chinesischen Autorin Fang Fang vielleicht an ihren Roman „Wütendes Feuer“ – eine junge Frau in einer eher ländlichen Gegend, und in einer unglücklichen Ehe gefangen, gelangt an einen Wendepunkt.
Während die Protagonistin Yingzhi in „Wütendes Feuer“ durch eine ungewollte Schwangerschaft an einen spielsüchtigen Taugenichts gebunden war, heiratete He Hanqing in „Ich geh jetzt los und bring mich um“ aus freien Stücken Liu Jianqiao, der einer geregelten Arbeit nachgeht und sein Geld weder verspielt noch ständig an seine Geliebten verschenkt . Die Unzufriedenheit überkommt Hanqing eher im Schneckentempo, außerdem ist sie nicht mehr so jung.
Der Ehemann verliert seinen Job und hängt nur noch zu Hause herum, sie verliert ihren ebenfalls und geht stattdessen putzen, die Schwägerin hingegen wird erwachsen, zieht aber nicht aus und lässt sich weiter mitbedienen, die Schwiegereltern sind zwar nicht unangenehm, tun aber ebenfalls nichts im Haushalt, der eigene Sohn geht zum Studium in die große Stadt und fragt ständig nur noch nach Geld, das Hanqing nicht hat, außer wenn sie gegen Bezahlung Blut spendet. Niemand bedankt sich, niemand trägt bei, niemand belohnt, was sie tut.
Bei Freundinnen und Nachbarn hingegen ist Hanqing sehr beliebt, wird aber auch dort vor allem für ihre Hilfsbereitschaft geschätzt. Als sie wieder einmal eine betrogene Freundin vom Selbstmord abhalten muss und vom Suizidversuch einer anderen erfährt und danach zu Hause nicht einmal in Ruhe aufs Klo gehen kann, weil niemand außer ihr den pfeifenden Wasserkessel vom Herd nimmt, platzt Hanqing der Kragen. Sie beschließt, dass es nun für sie an der Zeit ist, sich umzubringen.
Sollen die anderen doch schauen, wo sie ohne sie bleiben. Als sie ihrer Familie diesen Entschluss mitteilt, wird sie nur ausgelacht. Niemand glaubt ihr, dass sie es wirklich in sich haben könnte, ihr Leben zu beenden. Tatsächlich stellt sich das mit dem Selbstmord als gar nicht so einfach heraus.
Im Gegenteil, Hanqing ist selbst beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, schon wieder damit beschäftigt, das von anderen zu retten. Von der Länge her hat man es bei „Ich geh jetzt los und bring mich um“ eher mit einer Erzählung zu tun als einem Roman. Überhaupt ist Fang Fang, die im deutschsprachigen Raum zuerst mit ihrem „Wuhan Diary“ im Jahr 2020 bekannt wurde, für chinesische Verhältnisse eine Königin der kurzen Form.
Diese funktioniert für ihre verschiedenen Themen einmal besser, einmal schlechter: Während „Blume Vollmond“ an der fehlenden Komplexität der Darstellung der Protagonistin litt, trifft dieses Buch nun perfekt die Länge für seinen Plot. Das Perfide an diesem Text ist, dass er sehr schnell seine Leserschaft dazu bringt, mit He Hanqing mitzufiebern: Sie möge es nun doch endlich tun. Man wünscht der Protagonistin quasi den Tod, aber im Guten. Für sie selbst.
Für ihren Frieden. Und als eine verquere Art von Rache an der fast comichaft überzeichneten undankbaren Familie. Auch das Ende könnte man mit seinem Plot leicht in einer Sitcom unterbringen – alle mit schwarzem Humor werden ihre Freude daran haben. Roman.
Aus dem Chinesischen von Karin Betz. 160 S., geb. , € 25,95
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