Anna-Sophia Kegler, eine aufstrebende Pianistin, spricht über ihren Ansatz zum Zeitmanagement in der Musik, die Bedeutung von Resonanz und die transformative Begegnung mit ihrem Mentor Igor Levit. In diesem Interview teilt sie ihre Gedanken darüber, wie sie sich von den Zwängen der Branche abgrenzt und den Mut findet, ihrer eigenen künstlerischen Vision zu folgen.
Das höre ich selten. Meistens heißt es: "Allerhöchstens 45 Minuten. Ich habe noch so viele andere Termine.
" Ah, ja? Ich nehme mir für Interviews Zeit, und zwar ganz bewusst. Ich habe das Gefühl, Zeit zu brauchen, um mich einerseits wohlzufühlen und andererseits etwas entstehen zu lassen. Deswegen mag ich auch längere Musikstücke lieber als kürzere.
Zeit als Grundlage für Resonanz
Kennen Sie das Buch über Resonanz von Hartmut Rosa? Darin sagt er, eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, um auf eine gemeinsame Schwingung zu kommen, ist die Zeit. Und das Spannende ist doch, wie wir jeden Tag unseres Lebens gestalten. Denn für jeden von uns ist ein Tag gleich lang.
Also: Ich habe Zeit, mich in Ruhe mit Ihnen zu unterhalten. Sie dürften - Ihren Konzertkalender der kommenden Wochen und Monate kennend - ein sehr gutes Zeitmanagement haben. Diese Disziplin war mir sehr nahe: Ich nehme mir etwas vor, und das mache ich dann. Vor allem aber bin ich sehr gut darin, einzuschätzen, wie lange ich für eine bestimmte Sache brauche und - mehr noch - wie viel Zeit ich mir dafür nehmen will.
Schwieriger finde ich das allerdings, wenn es ums Lernen eines neuen Stückes geht. Da hilft es mir sehr, wenn ich weiß, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem es erklingen wird. Das habe ich während der Corona-Zeit bemerkt, wo es das ja nicht gab. Stimmt, Deadlines sind hilfreich.
Ich frage mich nur, wie Sie vorweg einschätzen können, wie viel Zeit Sie brauchen werden, um ein Stück zu lernen? Jedes ist doch anders. Idealerweise ist das ein Prozess. Ich lerne das Stück, dann spiele ich es ein paar Mal - meist nicht an den exponiertesten Orten.
Dann lasse ich es liegen, und irgendwann komme ich wieder zurück. Und das immer wieder. Das braucht es. In den Phasen, in denen Sie "nichts machen", passiert ja auch etwas.
Fortschritte in den Pausen
Extrem viel. Einer meiner ersten Klavierlehrer hat zu mir gesagt: "Die meisten Fortschritte machst du während der Sommerferien.
" Da habe ich nicht geübt. Nur muss man vorher schon viel reingesteckt haben, sonst passiert gar nichts. Ohne Input kein Output. Aber ja, es hat viel mit Vertrauen auf Zeit zu tun.
Ich finde, diese Getriebenheit unserer schnelllebigen Gesellschaft kann einen schnell anstecken. Dagegen muss man sich aktiv wehren, um nicht mitgerissen zu werden und um die Dinge in seinem eigenen Tempo machen zu können. Aber wie viel Spielraum haben Sie da? Auch "Ihre" Branche hat bestimmte Spielregeln und an Künstler hohe Erwartungen.
Konnten Sie sich davon immer schon gut abgrenzen? Also ich bin nicht in diesen Betrieb hineingekommen und wusste sofort: Das und das kann ich machen, das aber nicht. Woher auch? Das habe ich gelernt, und der Prozess ist immer noch im Gange.
Vielleicht hört er auch nie auf. Was mir sehr hilft, ist, ein Umfeld zu haben, das mir große Sicherheit gibt und das Gefühl, mir kann nichts passieren. Ich kann Grenzen ausloten und auch mal auf die Schnauze fallen. Das ist so wichtig.
Enge Bezugspersonen, denen ich vertraue und denen ich meine innersten Gedanken und auch Sorgen mitteilen kann. Menschen, die mich schon kannten, bevor dieser seltsame Zirkus losging. Meine Familie, meine Freunde - und Sie haben zuerst in Wien studiert, sind aber schon während des Bachelor-Studiums zu Igor Levit nach Hannover gewechselt. Wie kam es dazu?
Der Abend der Lebensänderung
Das habe ich einem spannenden Abend zu verdanken. Bis heute kann ich nicht genau beschreiben, was da passiert ist, aber er hat mein Leben extrem geprägt. Es war das erste Konzert, das Igor nach längerer Lockdown-Zeit im Wiener Konzerthaus gegeben hat. Ich saß im Publikum.
Zuvor hatte ich gelesen, dass Igor seit Kurzem eine Professur in Hannover hat. Und ich hatte das Gefühl, aus Wien irgendwann raus zu müssen, wusste aber nie, wohin. Dann sah ich Igor im Konzert und wusste: "Ich kann diesen Ort nicht verlassen, ohne ihn kennenzulernen.
" Aber ich war damals sehr schüchtern. Einfach eine Person, die ich nicht kannte, anzusprechen, kostete mich größte Überwindung, widersprach völlig meinem Naturell. Also dieser erste Akt, zu ihm hinzugehen, hat mir allen Mut abverlangt. Und Mut ist genau das, wofür Igor für mich steht und immer schon stand.
Und das Spannende ist: Ohne mich zu kennen, hat er diesen Mut in mir hervorgebracht. Ja, ich war in dem Moment fast schon geleitet, ich habe ganz intensiv gespürt: "Das ist der Weg.
" Ich war unfassbar nervös. Rico Gulda hat mich vorgestellt, und es kam zu einem sehr netten Austausch. Einige Wochen später habe ich ihm dann in Salzburg vorgespielt. Diesen Moment wiederum beschreibt Igor Levit als magisch.
Schicksalhafte Begegnung
Sie, nicht nur Ihr Spiel, haben ihn unglaublich beeindruckt. Was passiert bei solchen Begegnungen, frage ich mich. Wie finden sich zwei Menschen? Das finde ich so faszinierend.
Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube da an Schicksal. Ihm gehe es darum, seinen Schülern maximale Freiheit zu geben, sagt Levit.
"Maximale Freiheit" - genau diese Worte verbinde ich mit ihm. Er hat mich ermutigt, mich selbst kennenzulernen mit all meinen Stärken und Schwächen.
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