Das Atmen des Vulkans: Ein seltenes Phänomen treibt eine Region...

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Das Atmen des Vulkans: Ein seltenes Phänomen treibt eine Region...
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In den Phlegräischen Feldern hebt und senkt sich wegen des Bradyseismus die Erde – seit den Fünfzigern ging es um mehr als vier Meter nach oben. Erdbeben haben das Dolce Vita zerstört, Tausende...

In den Phlegräischen Feldern hebt und senkt sich wegen des Bradyseismus die Erde – seit den Fünfzigern ging es um mehr als vier Meter nach oben.

Erdbeben haben das Dolce Vita zerstört, Tausende Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen. In den Augen von Marcella Mallardo steigen immer wieder Tränen auf, wenn sie ihre Geschichte erzählt.

„Was ich gerade am meisten brauche? “ Sie schluckt, hält einen Moment inne. „Die Sicherheit, die einem das eigene Zuhause gibt. “ Wann und ob sie diese Sicherheit zurückbekommt, weiß sie nicht.

Die Frau lebt derzeit im „Palatrincone“, einer Sporthalle, die die Kommune Pozzuoli zur Notunterkunft umfunktioniert hat. Erst elf Monate hatte Mallardo in ihrer Wohnung in Pozzuoli gelebt, als am 31. Juli die Erde bebte. Mit einer Magnitude von 4,7 war es das stärkste Erdbeben in der Region seit vierzig Jahren.

Die Menschen, die in der Zone der Phlegräischen Felder wohnen, sind daran gewöhnt, dass der Boden unter ihnen immer wieder wackelt.

„Aber dieses Beben war anders“, sagt Mallardo. Wie sie können rund 3700 Menschen seit dem 31. Juli nicht in ihre Häuser zurück. Die meisten Evakuierten sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen, andere in Hotels, rund 50 harren mit Mallardo in der Notunterkunft aus.

Bis vor zwei Jahren habe man in Pozzuoli den Sommer über das Dolce Vita genossen, sagt Umberto Palumbo. Der Parkplatzwächter erzählt von Restaurants, vom Geplauder der Menschen, vom Lärm. Schon seit Mai 2024, als ein Beben der Stärke 4,4 die Stadt erschütterte, habe sich das Leben aus Pozzuoli zurückgezogen, sagt Palumbo.

„Doch der 31. Juli hat unserem Ort den Gnadenstoß versetzt.

“ Palumbo ist 56 Jahre alt und hat Pozzuoli nie den Rücken gekehrt. Als Kind sprang er von der Hafenmauer ins Wasser. In dem Becken, in dem er einst badete, ist heute nur noch eine Pfütze. Es gibt kaum einen besseren Ort, um zu verstehen, was in den Phlegräischen Feldern geschieht.

„Der Boden von Pozzuoli hat sich angehoben, das Meer sich zurückgezogen“, sagt Palumbo. Dahinter steckt ein seltenes geologisches Phänomen: der Bradyseismus. Aufgrund vulkanischer Prozesse hebt und senkt sich der Boden in den Phlegräischen Feldern. Bildlich gesprochen: Die Erde hier atmet.

Lucia Pappalardo leitet das Osservatorio Vesuviano des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie . Sie erklärt den Bradyseismus als ein Wechselspiel aus Gasansammlung, Überdruck, Bodenhebung, Erdbeben und anschließender Druckentlastung. Nach der derzeit wahrscheinlichsten wissenschaftlichen Hypothese des INGV liegt in drei bis vier Kilometern Tiefe eine besonders poröse und durchlässige Gesteinszone. Dort können sich Gase sammeln.

Steigt der Druck, hebt sich der darüberliegende Boden – und es kommt zu Erdbeben. Die Beben erzeugen wiederum Risse im Gestein, durch die die Gase nach oben entweichen können. Der Druck nimmt ab, der Boden senkt sich wieder. Einatmen, Ausatmen.

Nach dem Ausbruch des Monte Nuovo im Jahr 1538 sank der Boden in der Region rund vierhundert Jahre lang. Ab 1950 begann er sich wieder zu heben, zunächst in einzelnen Phasen in den 1950er-, 1970er- und 1980er-Jahren. Seit 2005 hält die aktuelle Hebungsphase an. Insgesamt hat sich der Boden im Bereich der stärksten Deformation seit 1950 um rund 4,5 Meter gehoben.

„Und die Kurve steigt immer steiler“, sagt Pappalardo. Das bedeute nicht, dass ein Vulkanausbruch bevorsteht. Die zahlreichen Erdbeben seien kein eindeutiges Zeichen, sagt die Vulkanologin.

„Diese seismischen Krisen können in einer vulkanischen Eruption gipfeln – oder auch nicht. “ Entscheidend sei, was tief unter der Erde geschehe. „Unsere Daten zeigen derzeit keinen Aufstieg von Magma in die oberflächlicheren Bereiche des Vulkansystems. “3700 Menschen rund um Pozzuoli leben derzeit nicht in ihren Häusern, die Feuerwehr hat diese nach einem Erdbeben als gefährdet eingestuft. 400 Jahre lang sank in den Phlegräischen Feldern die Erde.

Seit den 1950er Jahren steigt sie wieder, bis um rund 4,5 Meter. Für die Menschen vor Ort gibt es damit zwei Gefahren: Bei einer möglichen Eruption könnten die Messsysteme im Idealfall rechtzeitig warnen. Erdbeben dagegen lassen sich nicht vorhersagen. Die wichtigste Schutzmaßnahme sei deshalb ein sicheres Gebäude.

Und eine Bevölkerung, die wisse, was im Ernstfall zu tun sei. Genau daran fehle es noch, sagt Pappalardo. In der roten vulkanischen Gefahrenzone der Phlegräischen Felder leben rund 500.000 Menschen. Nach der Zunahme des Bradyseismus und der Erdbeben verabschiedete die italienische Regierung im Oktober 2023 ein Sonderdekret.

Es sieht unter anderem die Überprüfung der Erdbebensicherheit von Gebäuden und kritischer Infrastruktur, eine bessere Information der Bevölkerung sowie Notfallpläne und Übungen vor. Dafür stellte der Staat zunächst rund 52 Millionen Euro bereit. Romano Biagio ist ein Mann, dem man auf den ersten Blick nicht ansieht, dass ihn etwas erschrecken könnte. Tätowierung am Oberarm, Glatze, silberner Schmuck um Hals und Handgelenke, den Motorradhelm unter dem Arm.

Er wohnt im Zentrum von Pozzuoli. Wenn er duscht, dann so kurz wie nötig, erzählt er. Bei einem der letzten Beben stand er gerade unter der Dusche. Seitdem hat er auch davor Angst.

Es reicht ein Bus oder ein Lastwagen, der an seiner Wohnung vorbeifährt.

„Man hört dieses Geräusch und verbindet es sofort mit einem Erdbeben. “ Er liebe den Ort, sagt Biagio. Er liebe die Menschen.

„Aber man muss mit der Situation leben können. “ Ihm gelinge das nicht. „Ich fühle mich wie dauerhaft unter Strom. “ Die Notunterkunft „Palatrincone“ im Stadtteil Monterusciello ist immer geöffnet.

Wer Angst hat, kann hier übernachten.

„Pozzuoli ist so wunderschön. Es war immer mein Traum, mir dort ein Zuhause zu schaffen“, sagt Marcella Mallardo. Wieder steigen ihr Tränen in die Augen. Ihrem Gesicht ist abzulesen, wie schwer ihr der nächste Satz fällt: „Die Angst, dorthin zurückzukehren – die ist nun auch in mir. “

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