Der Fall Chloe Ayling und die erfundene Antisemitismus-Beschuldigung von Gil Ofarim zeigen, wie das gesellschaftliche Opferskript Wahrheit und Glaubwürdigkeit verzerrt.
Das Schicksal des britischen Models Chloe Ayling zeigt, wie sehr das gesellschaftliche Bild vom Opfer die Wahrnehmung von tatsächlichen Verbrechen verzerrt. Die damals 20-Jährige war 2017 nach Mailand gelockt, betäubt und entführt worden. Sechs Tage lang wurde sie festgehalten, bevor ihr Entführer sie freiließ. Ein Vierteiler der ARD berichtete über den bizarren Fall.
Ihr Entführer gab vor, Mitglied einer mächtigen Mafia-Organisation zu sein, die ihre Familie notfalls töten würde. Er drohte, sie im Internet zu verkaufen. Ayling gelang es, ihm Hoffnung auf eine mögliche Beziehung nach ihrer Freilassung zu machen. Daraufhin ließ er sie frei. Später wurde der Täter zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.
Das Opferskript und seine Fallstricke
Obwohl es keinen Hinweis darauf gab, dass Ayling die Entführung inszeniert hatte, glaubten ihr viele nicht. Der einzige Zweifel stammte aus einer durchschaubaren Schutzbehauptung des Täters. Ayling spielte die Opferrolle aus Sicht der Öffentlichkeit zu schlecht. Während ihrer Gefangenschaft agierte sie viel zu rational: Sie gewann das Vertrauen ihres Entführers und ging mit ihm Händchen haltend einkaufen. Gegenüber der Polizei verschwieg sie diese Einzelheiten zunächst.
Als die Medien sie nach ihrer Rückkehr vor dem Haus belagerten, trat sie leicht bekleidet vor die Kameras und las lächelnd ein Statement vor. Sie gab Interviews, ließ sich fotografieren und versuchte, aus der unverhofften Bekanntheit beruflich das Beste zu machen. All das war zweckrational – sowohl ihre Strategie, die Gefangenschaft zu überleben, als auch ihr Verhalten in einem Beruf, in dem Bekanntheit zählt. Trotzdem erschien es verdächtig.
Ein wirkliches Entführungsopfer, so die Vorstellung, wirkt traumatisiert, hält seinen Entführer angewidert auf Abstand, erzählt der Polizei alles und denkt nach der Befreiung nicht darüber nach, wie sich mediale Aufmerksamkeit nutzen lässt. Ayling wurde beschimpft und verdächtigt und fühlte sich nach ihrer Befreiung bald unfreier als zuvor, wie sie später sagte. Sie war ein Opfer und zugleich ein erfolgreiches Model, das seine üblichen Rollen beherrschte. Was sie nicht beherrschte, war die Rolle des passiven, traumatisierten Opfers.
Erst als ein späterer Test sie dem Autismus-Spektrum zuordnete, erschien ihr Verhalten vielen nachvollziehbar: Eine andere Kategorie der Verletzlichkeit erklärte nun, warum sie ihre Gefühle nicht so zeigte, wie man es von einem Opfer erwartete. Die Anfeindungen gegen Ayling hängen damit zusammen, dass wir Opfersein und Opferrolle meist nicht auseinanderhalten. Dabei unterscheiden sich beide wie ein Apfel und das Bild eines Apfels, das den Apfel in ein bestimmtes Licht rückt, ihn harmlos, als Ausdruck des Lebens oder – halbverfault – als ein Symbol des Todes erscheinen lässt.
Gil Ofarim und die perfekte Opferrolle
Das Gegenbild zu Chloe Ayling liefert Gil Ofarim. Im Oktober 2021 wartete der Musiker in einer langen Schlange vor dem Check-in eines Leipziger Hotels. Das Computersystem war ausgefallen; einige Stammgäste erhielten trotzdem ihre bereits vorbereiteten Zimmerkarten. Ofarim reagierte empört auf die vermeintliche Bevorzugung, geriet mit dem zuständigen Manager aneinander und drohte, das Hotel in einem Video schlechtzumachen.
Nachdem er nicht eingelassen worden war, setzte er sich vor das Hotel und nahm mit Tränen in den Augen ein Video auf. Darin berichtete er mit fassungsloser Stimme, der Hotelmanager habe ihn mehrmals aufgefordert, seinen Davidstern einzupacken. Die Geschichte ging viral. Noch am selben Abend gab es Solidaritätskundgebungen. Politiker, Prominente und Institutionen verurteilten den vermeintlichen antisemitischen Vorfall. Der beschuldigte Hotelmanager wurde beurlaubt, erhielt Morddrohungen und musste untertauchen.
Zwei Jahre später räumte Ofarim vor Gericht ein, dass seine Beschuldigung erfunden war, nachdem Videoaufnahmen und zahlreiche Zeugenaussagen seine Darstellung widerlegt hatten. Auch hier wurde eine unerwartete Situation öffentlichkeitswirksam genutzt. Doch während Ayling unglaubwürdig erschien, weil ihr Gefühlsausdruck nicht zum Opferskript passte, bespielte Ofarim die emotionale Klaviatur perfekt. Seine Geschichte besetzte auf Anhieb ein kulturell vertrautes Muster: hier der sichtbar erschütterte Angehörige einer historisch auf schlimmste Weise verfolgten Minderheit, dort der Mitarbeiter eines deutschen Hotels, dem Antisemitismus vorgeworfen wurde. Täter und Opfer schienen festzustehen, lange bevor die Tatsachen geklärt waren.
Warum das Opferskript so mächtig ist
Das Opfersein beschreibt den erlittenen Schaden. Die Opferrolle dagegen ist ein gesellschaftliches Skript darüber, wie ein Opfer sich fühlt und verhält – und wie andere auf es reagieren sollen. Ein wirkliches Opfer kann diesem Skript schlecht entsprechen; umgekehrt kann mancher eine solche Rolle auch dann überzeugend spielen, wenn er das behauptete Unrecht gar nicht erlitten hat. Und schließlich muss, wer Opfer geworden ist, daraus noch nicht seine Identität machen – auch wenn dies das gegenwärtige Skript in vielen Fällen vorsieht.
Nun kann jede soziale Rolle missbraucht werden. Doch die Fälle Ayling und Ofarim zeigen, wie unterschiedlich die Öffentlichkeit reagiert, je nachdem, ob jemand die erwarteten Emotionen zeigt oder nicht. Wer das Skript perfekt bedient, wird eher geglaubt – selbst wenn die Anschuldigung frei erfunden ist. Wer dagegen rational handelt und keine sichtbare Trauer zeigt, gerät schnell unter Verdacht. Diese Dynamik hat weitreichende Folgen für den Umgang mit echten Opfern und für die Frage, wem wir glauben.
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