Chinas Aktienmarkt zeigt eine zunehmende Zweiteilung: Während der von Künstlicher Intelligenz geprägte Technologiesektor stark zulegt, stürzen Konsumgüteraktien ab. Die Sectorindizes für alltägliche Konsumgüter liegen nahe einem Zehnjahrestief, und die Gewinne der betroffenen Unternehmen verfehlen die Erwartungen deutlich. Gleichzeitig exportiert China weiterhin Waren im Wert von fast drei Billionen US-Dollar. Die Entwicklung deutet auf eine wirtschaftliche Spaltung zwischen starken Exporten und der seit Jahren schwachen Binnennachfrage hin.
China s Konsumaktien fallen auf ein Rekordtief. Anleger wollen lieber am Boom der Künstlichen Intelligenz mitverdienen. Der Kapitalmarkt verdeutlicht die zweiteilige Entwicklung der Wirtschaft auf, die sich auch im chinesischen Alltag zeigt.
Nach außen hin scheint die chinesische Wirtschaft grenzenlos zu wachsen. Laut eigenen Angaben exportierte China seit Jahresbeginn bis Ende August Waren im Wert von knapp drei Billionen US-Dollar. In Europa sorgt die chinesische Produktion von Elektroautos und anderen Industriegütern für Krisenstimmung, protektionistische Gegenmaßnahmen wie Importzölle werden implementiert.
Außerdem liefert sich das Reich der Mitte ein Rennen mit den USA um die weltweite Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz. Die bemerkenswerten Erfolge des einstigen Entwicklungslands haben allerdings eine Schattenseite, denn der Konsum innerhalb des Landes tritt vergleichsweise seit Jahren auf der Stelle. Das verrät ein Blick auf den Aktienmarkt, wo sich eine immer größere Kluft bildet. Die Subindizes für Konsumgüter im Aktienindex MSCI China verloren in den vergangenen sechs Monaten rund 18 Prozent und notieren aktuell nahe einem Zehnjahrestief.
Der stark von KI-Unternehmen geprägte Technologie-Subindex liegt dagegen inzwischen mehr als doppelt so hoch wie 2016. Auch die jüngsten Unternehmenszahlen unterstreichen die Schwäche: Die Gewinne der Hersteller von Gütern des täglichen Bedarfs im MSCI China blieben in der jüngsten Berichtssaison um 47 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Chinas Wirtschaft entwickle sich in „zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten“, sagt David Lubin, Ökonom bei der Londoner Denkfabrik Chatham House.
Die Konsumstimmung chinesischer Haushalte ist schon seit der Coronapanedmie eher schwach, während Industrie und Exportwirtschaft florieren. Seit Jahren importiert das Land viel weniger, als es exportiert. Laut dem nationalen Statistikamt lag die durchschnittliche Sparquote von Stadtbewohnern in der ersten Hälfte dieses Jahres bei rund 40 Prozent. Unter Landbewohnern betrug sie knapp 20 Prozent.
Der Einzelhandel spürt diese Konsumzurückhaltung: Im vergangenen August stiegen die Umsätze in diesem Sektor um lediglich 0,4 Prozent. Mehrere Unternehmen thematisieren mittlerweile die ausbleibende Nachfrage. Der Spirituosenhersteller Shede Spirits etwa sprach von einer „tiefgreifenden Anpassung“ der Branche. Der Kaufhausbetreiber Nanjing Central Emporium berichtete von weniger Besuchern und geringeren Ausgaben.
Beim führenden Spirituosenkonzern Kweichow Moutai sank der Nettogewinn im ersten Halbjahr.
„Die Daten dieses Sommers haben die Annahme widerlegt, dass sich der Konsum erholt“, sagt Chen Shi, Fondsmanager bei Shanghai Jade Stone Investment Management gegenüber Bloomberg. Stattdessen bestätige sich die starke Abhängigkeit vom Export. An den Börsen führe das zu einem Verdrängungseffekt. Anleger konzentrierten sich zunehmend auf Unternehmen, die vom KI-Boom profitieren, während Konsumtitel nahezu unterschiedslos verkauft würden, sagte Chen.
Mehrere bekannte aktiv gemanagte chinesische Fonds, die traditionell stark auf Konsumwerte gesetzt hatten, haben ihr Engagement in Richtung KI-Aktien verschoben. Damit hat sich die Stimmung gegenüber dem chinesischen Konsum grundlegend gewandelt. Vor der Pandemie galt der Aufstieg der Mittelschicht als eine der großen globalen Wachstumsgeschichten. Inzwischen belasten die lang anhaltende Immobilienkrise, schwaches Einkommenswachstum und mangelndes Verbrauchervertrauen die Nachfrage.
Wiederholte staatliche Maßnahmen zur Stabilisierung des Immobilienmarktes haben sich bislang nicht nachhaltig materialisiert, die Immobilienpreise sanken zuletzt weiter. Konsumaktien würden allerdings nicht nur in China, sondern weltweit an Zulauf einbüßen, sagt Winnie Wu, Aktienstrategin bei der Bank of America zu Bloomberg. Denn Investoren wollen überall vom KI-Investitionsboom profitieren. Niedrige Bewertungen und die geringe Positionierung vieler Investoren könnten Konsumaktien jedoch bei stärkeren Schwankungen an den Technologiebörsen wieder attraktiver machen.
Ein derartiger Effekt war während des weltweiten Ausverkaufs bei Technologiewerten im Juli kurzzeitig zu beobachten. Eine nachhaltige Trendwende ist damit jedoch nicht verbunden. Solange Peking auf Konjunkturprogramme zur Stimulierung des privaten Verbrauchs verzichtet, bleiben die Belastungen bestehen.
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