Mirjam Marits ist seit 2006 bei der „Presse“ und stellvertretende Ressortleiterin der „Chronik“. Sie widmet sich dem Wiener Stadtleben und schreibt jeden Samstag die Kolumne „Episoden“.
Die Presse: Sind Sie eigentlich ein passionierter Segler? Bernhard Aichner: Ich war nie einer und werde nie einer sein. Mir wird in kürzester Zeit auf Booten wahnsinnig schlecht.
Ich bin immer der Erste, der sich bei ein bisschen Seegang übergibt. Mit Tabletten geht es aber. Ein Freund von mir hat ein Segelboot, das genau in jener kroatischen Bucht liegt, in der „Totenfrau. Die Rückkehr“ spielt.
Ich selber würde aber nie ein Boot haben wollen. Aber Freunde mit einem Boot zu haben ist toll. Auch Freunde mit eigenem Pool sind gute FreundeIch frage nach dem Segeln, weil ja der neue Totenfrau-Thriller wie schon Teil eins mit einem scheinbar friedlichen Segeltörn beginnt. An sich war die Trilogie um Bestatterin Blum ja 2016 stimmig abgeschlossen.
Warum haben Sie die Geschichte nun doch fortgesetzt? Tatsächlich ist das ein bisschen Netflix geschuldet . Die Figur der Blum war dann über Jahre wieder präsent bei mir.
Und dann hat Anna Maria Mühe, die Blum in der Serie spielt, gesagt: Schreib das ja weiter, ich liebe die Figur. Und da hab ich mir gedacht: Warum nicht? Ich bin superhappy, dass ich das getan habe. Ich bereue nichts.
Natürlich muss ich ihr wieder viele schreckliche Dinge zumuten. Aber mich hat interessiert: Mit wie viel Schuld kann man leben? Ist es möglich, ein Leben in Frieden zu leben, wenn man gemordet hat? Blum will nicht mehr morden, aber wenn großes Unrecht passiert, dann ist sie wieder da und mischt sich ein, um Gerechtigkeit herzustellen.
Sie kann nicht, sie muss. Eine Psychiaterin, mit der ich mich austausche, erzählt mir oft unvorstellbare Dinge, die Menschen erleben, die man sich, wenn man ein halbwegs glückliches Leben hat, gar nicht ausmalen kann. Und es gibt diese Verdrängungen, damit man weiterleben kann. Aber irgendwo sind diese Dinge.
Und sie kommen wieder hoch. Beim Lesen fiebert man wieder mit Blum mit, man will nicht, dass sie erwischt wird. War es immer Ihre Absicht, eine sympathische Mörderin zu schaffen? Unbedingt.
Ich war früher fasziniert von der Serie Dexter, in der der Protagonist auch die Bösen umbringt. Aber es war nie wirklich klar, ob man ihn mag oder nicht. Ich wollte eine Figur schaffen, die die Bösen tötet, aber die man wirklich gut findet. Blum tötet nicht aus Lust, sondern um sich und ihre Kinder zu retten.
Ich wollte sie nie als total Irre durchs Buch laufen lassen. Ohne zu spoilern: Sie muten den Leserinnen und Lesern wieder ziemlich viel zu. Tut Ihnen manchmal leid, was Sie Ihren Figuren da antun? Total.
Ich bin auch beim Schreiben manchmal kurz vor dem Weinen. Aber irgendwie fordert es die Geschichte und dann passiert das eben. Sie waren schon als Kind als Messdiener bei Begräbnissen tätig, haben später auch in einem Bestattungsunternehmen mitgearbeitet. Schreiberisch beschäftigen Sie sich ja praktisch pausenlos mit dem Tod.
Haben Sie dadurch einen entspannteren Zugang zum Tod als andere? Ich denke ja, aber ich würde gern noch entspannter sein, je älter ich werde. Wenn man einen toten Menschen auf dem Versorgungstisch in der Bestattung liegen sieht, weiß man: Da muss man selbst auch irgendwann einmal liegen. Aber so schnell will man da nicht hin.
Was ich das Allerschönste am Tod finde: Man kann das Leben genau deswegen genießen, weil man akzeptiert, dass es ein Ende gibt. Klingt kitschig, ist aber so. Bernhard Aichner, Jahrgang 1972, gelang mit seinem Thriller „Totenfrau“ 2014 der internationale Durchbruch, es folgten „Totenhaus“ und „Totenrausch“ und das Ende der Trilogie. Weltweit hat der Tiroler mehr als eine Million Bücher verkauft.
Aichner ist im Herbst auf Lesetour und gastiert u.a. am 22. September bei Thalia Wien-Mitte . Ihre Bücher werden weltweit gelesen, es gibt die Totenfrau als Netflix-Serie. Traut man sich denn so groß zu träumen als Autor in den Anfangsjahren?
Schon. Heimlich natürlich. Das war schon immer ein großer Wunsch. Dass es so funktioniert hat, ist natürlich sensationell.
Und jetzt schaut es auch für „Der Fund“ nicht schlecht aus mit einer Verfilmung, ebenso für den Bronski (Protagonist u.a. von Aichners Thriller „Dunkelkammer“,Ganz genau weiß ich es nicht, aber irgendwo über einer Million. Das ist superschön und superviel. Ich bin dankbar für jedes verkaufte Buch. Ich darf einer von vier Prozent der Autoren sein, die vom Schreiben leben können.
Das macht demütig. Die Neider sagen einem das ja nicht ins Gesicht. Nur so hintenrum. Ich habe aber das Glück, dass ich in der Branche auch Menschen kenne, mit denen man sich offen und ehrlich austauschen kann.
Es gibt viele nette Menschen da draußen. Wie sehr fürchtet man sich denn als erfolgreicher Autor nach so vielen Bestsellern davor, dass der nächste Roman vielleicht nicht gut ankommt? Ich würde das gern ausblenden, es gelingt mir eigentlich auch ganz gut. Ich möchte immer das beste Buch, das ich je geschrieben habe, schreiben.
Mit 35, 40 war ich manchmal so wütend, dass ich den Kritikern um ein Uhr früh betrunken E-Mails geschrieben habe. Wahnsinnig peinlich. Heute bin ich da gelassener. Das Buch, das allen gefällt, hat noch niemand geschrieben.
Diese Ein-Stern-Kritiken auf Amazon sind manchmal auch sehr lustig zu lesen. Eigentlich nicht, aber jetzt gehe ich auf Lesereise und habe gezielt nach lustigen Rezensionen gesucht, die ich vorlesen kann. Es ist schon erstaunlich, welche Mühe sich Leute machen, um einen Verriss zu verfassen. Sind Sie manchmal selbst überrascht darüber, was Ihnen so alles an grausamen Todesarten einfällt, während Sie ja, wie Sie mir vor ein paar Jahren erzählt haben, die echten Nachrichten kaum ertragen?
Das ist tatsächlich so, True Crime halte ich auch gar nicht aus. In Krimis und Thrillern sterben Menschen, das bedingt das Genre. Wenn man sich dafür entscheidet, hat das so eine spielerische Leichtigkeit. Wenn man dann noch seine Sprache findet und seinen Ton, macht es riesengroßen Spaß, sich so etwas auszudenken.
Aber natürlich ist es schräg, wenn ich im Freibad sitze und schreibe und rundherum spielen die Kinder. Wenn die wüssten, was ich da mache, die hätten alle Angst vor mir! Mein Bauchgefühl sagt: Sie kann und sie wird wieder auftauchen. Irgendwann.
Ich liebe Blum. Und viele meiner Leserinnen und Leser auch. Und Liebenden soll man ja bekanntlich keinen Wunsch abschlagen.
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