Bei Anleihen schlagen Schwellenländer die Industriestaaten

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Bonds von Schwellenländern in Lokalwährung tricksen den Dollar aus und sind für eine Verbreiterung des Depots gut geeignet. Was bleibt, ist das Währungsrisiko.

Bonds von Schwellenländern in Lokalwährung tricksen den Dollar aus und sind für eine Verbreiterung des Depots gut geeignet. Was bleibt, ist das Währungsrisiko. Wer gehofft hatte, dass sich in den Kriegen in der Ukraine und dem Iran und der Golfregion im Herbst eine Entspannung abzeichnen würde, der wurde bisher bitter enttäuscht.

Im Gegenteil. Die Konflikte halten an, und die toxische Mischung aus der durch den hohen Öl- und Gaspreis ausgelösten steigenden Inflation, die weiterhin vor allem in Europa schwache Wirtschaftslage und die ausufernde Verschuldung mancher Staaten, allen voran den USA, hält die Finanzmärkte weiterhin in Atem. Während sich die Aktienmärkte mit hoher Volatilität letztlich ziemlich robust erweisen und Rücksetzer aufholen, spielen die Anleihen verrückt. Die Kurse der Bonds sind seit Wochen auf Talfahrt und im Gegenzug erreichen die Renditen enorme Höhen.

So übersprang die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihen, seit jeher eine Benchmark, Mitte September die Marke von fünf Prozent – den höchsten Wert seit 2007. Pessimistisch gestimmte Ökonomen werten dies als gefährlichen Schwellenwert. Zumal auch in anderen Industrieländern wie Deutschland die Renditen der Staatsanleihen deutlich anzogen. Die Europäische Zentralbank und die Federal Reserve steuerten zwar jüngst mit Zinserhöhungen gegen eine drohende weitere Inflationssteigerung.

Wie es aussieht, dürfte das heuer auch nicht die letzte Erhöhung gewesen sein. Bank-Austria-Chefvolkswirt Stefan Bruckbauer rechnet noch mit einem Zinsschritt von EZB und Fed, andere Ökonomen gehen sogar von zwei Erhöhungen aus. Höhere Zinsen verteuern freilich die Refinanzierung der Staaten – und sie erhöhen auch die Last privater Kreditnehmer. Viele Investoren, die die US-Entwicklung mit Argusaugen und Sorge verfolgen, haben deshalb US-Anleihen fallen lassen und einen wahren Ausverkauf ausgelöst.

Ganz haben die Investoren den Bond-Markt aber nicht aufgegeben, vielmehr sind Schwellenländer-Anleihen, und da wiederum solche in Lokalwährung, in den Fokus gerückt. Denn in Dollar denominierte Schwellenländer-Bonds haben zwar auch kräftig zugelegt, aber der schwache Dollar hat aus Sicht eines Euro-Investors die Gewinne egalisiert, heißt es in einer Analyse der Spänglerbank. Soll man nun diesem Trend folgen? Die Antwort der Experten lautet: Ja, aber mit Bedacht.

„Die sogenannten Emerging-Markets-Lokalwährungsanleihen sind nicht nur deshalb interessant, weil ihre Ertragsquellen kaum vom globalen KI-Investitionszyklus abhängen“, schreibt Andrea Otto vom Asset Management der Kathrein Bank in einer aktuellen Einschätzung. Diese Anleihen sind schon im Vorjahr sehr gut gelaufen und waren im heurigen Jahr „eine der erfolgreichsten Anleihenkategorien mit deutlich besserer Entwicklung als viele traditionelle Rentensegmente. Verantwortlich dafür ist die Kombination aus attraktiven Realzinsen, Zinssenkungspotenzial, aufwertenden Währungen und verbesserten Fundamentaldaten“.

Deshalb bleibe diese Anlageklasse „für langfristig orientierte Anleger weiterhin eine attraktive Diversifikationsquelle und wertvolle Ergänzung in einem breit aufgestellten Anleihen-Portfolio“, so Otta. Jedenfalls sind die Emerging Markets, wie die Regionen genannt werden, schon längst keine Nische mehr. Die Länder, zu denen außer den Schwergewichten China und Indien, auch Südkorea und Taiwan, Brasilien, Mexiko, Südafrika und die Türkei gehören, stellen 85 Prozent der Weltbevölkerung und tragen laut Internationalem Währungsfonds rund 40 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums.

Dieser Anteil soll bis 2035 auf 60 Prozent steigen. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern und die Bäume wachsen auch dort nicht in den Himmel. Jörg Moshuber, Investment-Vorstand bei der Schoellerbank, verweist im „Presse“-Gespräch auf die Währungsvolatilität als größtes Risiko.

„Derzeit funktionieren Schwellenländer-Anleihen in Lokalwährungen gut, aber wenn es in einem Land aus welchem Grund auch immer kracht, dann wird die Währung gegenüber dem Dollar an Wert verlieren“, so Moshuber. Auch politische Eingriffe in den Kapitalmarkt können eine Rolle spielen. Insofern sollte man in Dollar denominierte Bonds nicht ganz außer Acht lassen.

„Die Mischung macht’s“, sagt der Banker. Außerdem gelte es, sich jedes Land und damit jede Staatsanleihe genau anzusehen. Einige Faktoren machen die aufstrebenden Länder aber generell interessant. Zum einen ist es die Industrialisierung, die das Wirtschaftswachstum antreibt.

Wobei Hightech und Künstliche Intelligenz auch da ein wesentlicher Faktor sind. Zwar sitzt das Gros der Tech-Giganten nach wie vor in den USA, aber ein Großteil der dafür erforderlichen Komponenten kommt aus Asien. So ist die taiwanesische TSMC der weltweit größte Auftragsproduzent von Chips und hat laut TrendForce einen Marktanteil von 72,5 Prozent. Taiwan und Südkorea sind daher eigentlich keine Schwellenländer mehr.

Viele dieser aufstrebenden Länder verfügen auch über wichtige Rohstoffe wie etwa seltene Erden, mit denen sie die Exportbilanz kräftig auffetten können. Länder mit Ölreserven profitieren nun, während Staaten, die Öl importieren müssen, durch die geopolitischen Spannungen stärker unter Druck sind. Das solide Wirtschaftswachstum stärkt wiederum den Wohlstand und damit die Konsumbereitschaft. Prognosen gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren weltweit rund eine Milliarde Menschen in die Mittelschicht aufsteigen werden.

Das kurbelt ihre Ausgabefreudigkeit an. Darüber hinaus haben nicht wenige Staaten ihre fiskalischen Hausaufgaben gemacht und verfügen über eine geringere Verschuldung als so manche westliche Volkswirtschaft. Diese Stabilität erhöht das Vertrauen internationaler Investoren.

„Die finanziellen Fundamentaldaten haben sich deutlich verbessert, die Auslandsverschuldung ist gesunken, die Leistungsbilanzsalden sind solider geworden und die Geldpolitik der Zentralbanken hat an Glaubwürdigkeit gewonnen“, lautet das Fazit von Pictet Asset Management. Nicht nur institutionelle Anleger, sondern auch Private profitieren von dieser Situation: Die oben genannten Faktoren führten dazu, dass zahlreiche lokale Währungen gegenüber dem Dollar und Euro aufgewertet haben. Das bringt einen zusätzlichen Ertrag zu den laufenden Kuponzahlungen, schreibt Kathreinbank-Expertin Otta.

Zudem haben im Unterschied zu EZB und Fed die Zentralbanken der Schwellenländer während des letzten Inflationszyklus früher und rigoroser die Zinsen angehoben, was die Renditen steigen ließ. Nicht zuletzt müssen die Länder grundsätzlich höhere Zinsen bieten, um Kapital anzuziehen. Die positive Entwicklung lässt sich gut am MSCI Emerging Markets Index ablesen. Er bildet die Aktien von 1200 Unternehmen in 26 Schwellenländern ab und spiegelt damit generell die Stimmung dieser Märkte wider.

Im Jahresabstand liegt der MSCI EM um 27,3 Prozent im Plus, auf Dreijahressicht um 79 Prozent. Mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 3,5 Prozent übertreffen die Schwellenländer viele Industriestaaten. Der marktführende Bloomberg Emerging Markets Local Currency Liquid Government Bond Index weist aktuell eine Endfälligkeitsrendite von rund 6,56 Prozent auf. Besonders hoch, nämlich bei über 30 Prozent, rentieren laut Bloomberg zehnjährige türkische Staatsanleihen in lokaler Währung.

Darin spiegelt sich freilich auch das hohe Risiko politischer Eingriffe in die Geldpolitik wider. Deutlich niedriger, zwischen drei und 14 Prozent liegen die Renditen in den anderen Schwellenländern. Ariel Bezalel und Harry Richards, Investmentmanager des Jupiter Dynamic Bond, erachten brasilianische Anleihen aufgrund des Rohstoffreichtums und reichlich grünem Strom des Landes für besonders attraktiv. Ein Punkt, den viele Privatanleger scheuen, ist das Bonitätsrisiko einzelner Emerging Markets.

Eine Möglichkeit, dies weitgehend zu reduzieren besteht laut Kathreinbank in sogenannten „Dual Currency Bonds“. Das heißt, die Anleihe lautet zwar auf die Schwellenland-Währung , der Schuldner, der Zinsen und Tilgung garantiert, ist jedoch nicht der Staat, sondern eine Institution wie etwa die Weltbank. Während die laufenden Zinszahlungen in einer Währung erfolgen, wird die Rückzahlung des Anleihebetrags bei Fälligkeit in einer anderen Währung garantiert.

Der iShares JPMorgan Emerging Markets Local Govt Bond UCITS ETF enthält 340 Positionen und bildet damit eine breite Palette an Anleihen ab. Die Top fünf sind China, Mexiko, Indien, Malaysia und Indonesien.

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