Der KI-Konzern Anthropic plant einen historischen Börsengang mit einer möglichen Bewertung von über zwei Billionen Dollar. Im eingereichten Prospekt widmet sich das Unternehmen ausführlich den Risiken der Künstlichen Intelligenz, einschließlich Missbrauch und Kontrollverlust, und sichert sich die Kontrolle über das Unternehmen.
Der KI-Konzern Anthropic drängt an die Börse – und zeichnet auf 80 von 260 Seiten des eingereichten Börsenprospekts ein ungewöhnlich düsteres Bild der Risiken Künstlicher Intelligenz.
Das Unternehmen warnt unter anderem vor Missbrauch, Kontrollverlust und möglichen Schäden für die Menschheit durch die KI. Die Erwartungen an Anthropic sind hoch. Das erst vor fünf Jahren gegründete KI-Unternehmen bereitet sich auf einen Börsengang vor, der Geschichte schreiben könnte. Die Investoren sind zuversichtlich, dass Anthropic mit einer Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar an die Börse gehen kann.
Damit würde Anthropic auch an Elon Musks SpaceX vorbeiziehen, das im Juni 1,78 Billionen Dollar erreichte und damit den größten Börsengang der Geschichte hinlegte. Doch wer bei dem von Dario Amodei geführten KI-Unternehmen einsteigen will, erhält auch eine ungewöhnliche Warnung: Die Technologie kann „existenzielle Risiken für die Menschheit bergen“. Insgesamt widmet sich das Unternehmen in dem nicht-öffentlichen S1-Börsenprospekt auf 80 von 261 Seiten den Risiken der Künstlichen Intelligenz.
Doch nicht nur die Risiken, sondern auch die künftigen Machtverhältnisse und Stimmrechte werden detailliert beschrieben. Fest steht: Amodei will die Kontrolle über Anthropic und seine Entwicklungen gemeinsam mit den Gründern behalten. Seit OpenAI ChatGPT im November 2023 veröffentlicht hat, ist nichts mehr wie es war. Plötzlich setzt nahezu jedes Technologie-Unternehmen auf Künstliche Intelligenz.
Meta verlagerte seinen Fokus auf die Entwicklung quelloffener Systeme und präsentierte kürzlich. Google hat mit Gemini den Fokus auf KI in Smartphones gelegt und nahezu jedes Unternehmen arbeitet an KI-Agenten, die im Gegensatz zu Chatbots nicht antworten, sondern im Auftrag der Nutzer handeln. Doch genau diese Selbstständigkeit hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Beinahe täglich werden neue Vorfälle publik, in denen die KI „ausgebrochen“ ist und sich Zugang zu verschlüsselten Regierungs- und Unternehmenswebseiten verschafft hat.
Für kollektives Erstaunen sorgte dann, dass ausgerechnet Amodei forderte, das Tempo in der KI-Entwicklung kollektiv herauszunehmen. Unterstützung erhielt er von OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk, jedoch nicht von Nvidia-Chef Jensen Huang und Meta-Chef Mark Zuckerberg. Diese Bedenken hinsichtlich der von der KI ausgehenden Risiken drohen nun, den Optimismus auf den bevorstehenden Börsengang zu trüben, nachdem aktuelle und ehemalige Mitarbeiter von Anthropic ebenfalls öffentlich davor gewarnt haben, dass eine außer Kontrolle geratene KI die Menschheit innerhalb eines Jahrzehnts auslöschen könnte.
Amodei erklärte letzte Woche vor dem UN-Sicherheitsrat, dass KI eine Bedrohung für die Menschheit darstellen könnte und „das wichtigste globale Sicherheitsproblem sei, mit dem die Welt heute konfrontiert ist“. Warnungen, die auch im S1-Dokument festgehalten sind. Öffentlich einsehbar ist das Papier zwar nicht, aber es wurde einem kleinen Kreis von Partnern zugänglich gemacht. Die „Financial Times“ berichtete unter Berufung auf diese Personen zuerst davon, Reuters folgte.
Dabei gab es auch interessante Details zum Geschäftsgebaren des Unternehmens. 2025 lag der Umsatz des Unternehmens bei rund 4,6 Milliarden Dollar, eine Steigerung um das Zwölffache im Vergleich zum Jahr davor. Doch der Nettoverlust lag 2025 bei knapp 42 Milliarden Dollar. Anthropic hält in dem Papier fest, dass sich der massive Nettoverlust auf einen Buchhaltungseffekt zurückführen lässt. Grund dafür ist die höhere Bewertung, wodurch die Finanzierung ebenfalls höher bewertet werden musste.
Operativ lag der Verlust bei rund acht Milliarden Dollar. Anthropic gab zudem bekannt, in den kommenden Jahren 518 Mrd. US-Dollar für Cloud-, Rechen- und Infrastrukturkosten ausgeben zu wollen, um sein rasantes Wachstum zu unterstützen. Doch 2026 stehen die Zeichen auf einen Wandel – zumindest in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.
Zwar treiben die steigenden Kosten für Rechenressourcen zum Trainieren und Betreiben der Modelle die Betriebskosten auf fast 13 Milliarden US-Dollar. Grund dafür sind die Verträge mit Google, SpaceX und einer Reihe von kleineren Unternehmen, um sich Rechenleistung zu sichern. Doch nicht nur die Ausgaben steigen, sondern auch die Umsätze.
Im zweiten Quartal verzeichnet Anthropic einen Umsatz von 11,5 Milliarden Dollar und ist damit auf dem besten Weg zum zweiten Mal in Folge einen operativen Gewinn zu erzielen, wenn auch auf bereinigter Basis. Hauptverantwortlich dafür sind zwei Großkunden, die namentlich nicht genannt werden. Diese Abhängigkeit wird ebenfalls als Risiko gelistet, denn es ist jederzeit möglich, dass diese Kunden, die für ein Viertel des Umsatzes im Vorjahr verantwortlich zeichnen, abspringen oder ihre Ausgaben senken.
, wählt Anthropic einen Börsengang nach dem Vorbild von Palantir. Wie im Fall des von Alex Karp gegründeten Unternehmens, behalten die Gründer mit 50,1 Prozent der Stimmen die Kontrolle. Amodei und die sechs Mitgründer bündeln in einer Founder LLC ihre Stimmrechte, wodurch der Einfluss von Aktionären „effektiv verringert“ werden soll. Mit Altmans Absage für einen IPO in diesem Jahr, blickt alles in Richtung Anthropic.
Es ist damit das erste KI-Unternehmen, das sich trotz Milliardenverlusten und erst seit Kurzem steigenden Umsätzen an die Börse wagt. Der Börsengang wird Anfang November erwartet. Fest steht, dass er erst nach den US-Zwischenwahlen stattfinden soll.
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