Verrückt? Wohl ja. Aber halt auch ein Lebenstraum: Sibylle und Kurt Hamtil verkaufen in einem früheren Strickwarengeschäft in der Wollzeile Literatur pur.
Verrückt? Wohl ja. Aber halt auch ein Lebenstraum: Sibylle und Kurt Hamtil verkaufen in einem früheren Strickwarengeschäft in der Wollzeile Literatur pur. Ist es die Lage?
Die optische Anmutung? Oder doch das Konzept? Dass mit Svevo in der Wollzeile am Freitag ein neues Buchgeschäft aufmacht, ist in Wien schon im Vorfeld nicht unbemerkt geblieben. Das berichten auch jene, die hinter dem Unterfangen stehen.
Sibylle und Kurt Hamtil haben schon einige Geschäftseröffnungen hinter sich.
„Aber bei keinem der Geschäfte war es so“, sagt Sibylle Hamtil, „dass die Leute schon durch die Tür gekommen sind, bevor wir überhaupt offen hatten. Wir konnten es nicht einmal mit der Leiter, die wir in die Tür gestellt haben, verhindern. Und alle sagen natürlich: Viel Glück, was für ein Anachronismus, Ihr habt‘s einen Mut.
“ Denn Svevo ist nicht nur ein Buchgeschäft , sondern eines, das alles auslässt, womit sich auf einem harten Markt noch halbwegs Geld verdienen lässt: Kochbücher, Ratgeber, die meisten „Spiegel“-Bestseller. „Und Gummistiefel“, sagt Sibylle Hamtil und meint damit das breite Sortiment jener Produkte, das andere Buchhandlungen zunehmend bevölkert. Einzige Ausnahme hier: Füllfedern – und jene Lesebrillen, die das Paar in seinem Geschäft „Hamtil & Söhne“ genau gegenüber in der Wollzeile schon seit Jahren erfolgreich verkauft.
Ob die formschönen Leselampen von dort Einzug halten dürfen, wird noch heftig debattiert. Was also ist Svevo?
„Eine Literaturhandlung“, sagen die Hamtils. Welche Literatur, das überlässt das Paar mit eigener Buchvergangenheit in weiten Teilen einem Jüngeren: Mit Kilian Feurstein haben die beiden einen 26-jährigen Vorarlberger gefunden , der Bücher verschlingt und jene Beratung bieten soll, die man in anderen Geschäften immer öfter vermisse.
„Er ist unser Chef“, sagt Kurt Hamtil. „Wir haben nur ein Vetorecht. “So findet man auf den Büchertischen nun jahrzehnte- und jahrhundertealte Klassiker, aber auch viel Zeitgenössisches. „All die talentierten österreichischen Schriftsteller wie Elias Hirschl, Johanna Sebauer, aber auch die Jelinek oder den Gstrein mit ihren neuen Büchern“, sagt Feurstein, daneben einen Abriss der modernen Literatur anderer Länder.
„Einfach Literatur, von der ich glaube, dass sie wichtig ist und eine Berechtigung hat. Keine Trends.
“ Kennengelernt hatte man sich erst kurz vor Abschließen des Mietvertrags; alle Beteiligten erinnern sich amüsiert an eine Art literarisches Speed-Dating. Verändert hat man im ehemaligen Haider Petkov-Strickwarengeschäft, das die Erbin aufgegeben hatte, kaum etwas: Die hölzernen Stiegen und die Galerie geben die optische Struktur vor; die Umkleidekabinen sind geblieben – und wurden zu „Künstlergarderoben“ umfunktioniert, die berühmten Paaren der Literaturgeschichte gewidmet sind.
Ingeborg Bachmann und Max Frisch, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Siri Hustvedt und Paul Auster teilen sich hier quasi jeweils ein Séparée. Das Ehepaar Hamtil erfüllt sich damit im Alter von 58 und 64 jedenfalls ein Lebenstraum.
„Dass wir irgendwann eine Buchhandlung haben werden“, davon reden die beiden seit Jahrzehnten. Als das Geschäftslokal in der Wollzeile frei wurde, schien die Chance plötzlich real. Dass sie mit Ende September ihr Brillen-, Design- und Souvenirgeschäft in der Herrengasse aufgeben , sie stattdessen ein neues Geschäft in der näheren Rotenturmstraße aufgesperrt haben, scheint sich nachträglich gut zu fügen .
Wie das Literaturgeschäft heißen sollte, auch das sei übrigens immer schon klar gewesen. Nach einem Schriftsteller nämlich, und Italo Svevo, als Ettore Schmitz 1861 in Triest geboren, sei nicht nur gleichzeitig deutsch-österreichisch, italienisch und jüdisch, sondern trage einfach auch den schöneren Namen als ein Thomas Mann. Seine Bücher zieren derzeit die Auslage, wie auch jene von Elke Heidenreich .
Denn ja, Svevo fällt auf, das zeigt sich auch beim Besuch der „Presse“ vor der Eröffnung, als tatsächlich immer wieder die Tür aufgeht. Eine der Neugierigen entpuppt sich dann als Buchhändler-Kollegin Anna Jeller. Was sie als Profi von der Unternehmung halte? Es sei jedenfalls schön, dass das Geschäft erhalten bleibe, sagt sie diplomatisch.
„Und du denkst wohl auch“, fragt Kurt Hamtil, „die haben einen Klopfer? “ „Naja“, meint Jeller milde. „In dem Alter kann man schon einmal übermütig werden. “Sibylle und Kurt Hamtil haben einst den Metroverlag geführt, sich später mit „Hamtil & Söhne“ auf Izibizi-Brillen, Design und Geschenke mit Wienschwerpunkt verlegt und die Neuausrichtung der Herrengasse mitbegründet. Seit 2023 betreiben sie auch den Museumsshop der Staatsoper.
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