20 Jahre nach seiner Verurteilung bei den Nürnberger Prozessen wurde der Kriegsverbrecher Albert Speer am 1. Oktober 1966 aus dem Gefängnis entlassen. Fortan bastelte der ehemalige...
20 Jahre nach seiner Verurteilung bei den Nürnberger Prozessen wurde der Kriegsverbrecher Albert Speer am 1. Oktober 1966 aus dem Gefängnis entlassen. Fortan bastelte der ehemalige NS-Rüstungsminister an der Legende des verführten Architekten, des Geläuterten.
Doch Historiker widerlegten den Mythos. Als sich in den frühen Morgenstunden des 1. Oktober 1966 die Tore des alliierten Gefängnisses in Spandau-Berlin für Albert Speer öffneten, wurde er zwar auch mit „Pfui“-Rufen vor allem junger Menschen empfangen, doch angesichts über hundert Journalisten und Tausenden Schaulustigen ähnelten seine ersten Schritte in Freiheit dem Auftritt eines Popstars. Nur mühsam bahnte sich dieUnd tatsächlich war es eine Art Tournee-Auftakt.
Der „gute, geläuterte Nazi“ veröffentlichte 1969 seine Memoiren , wurde von TV-Sendung zu TV-Sendung weitergereicht und war vielseits ein begehrter Gesprächspartner. Später legte der „höchstrangige Zeitzeuge“ noch die „Spandauer Tagebücher“ über seine Erlebnisse in Haft nach - beide Bücher zählen bis heute zu den meistverkauften Werken der deutschen Sprache. Auf der Straße wurde er erkannt, die Menschen wollten mit dem so kultiviert wirkenden, geläuterten Mann sprechen.
Es war wohl auch zu einem großen Teil der Weltgewandtheit Speers geschuldet, mit der er die Sehnsucht der Menschen nach einem Reue zeigenden Täter, der von Hitler verführt wurde, stillte. Er war die Antithese zum rüpelhaften, brutalen oder bürokratisch-buckelnden Klischee-Nazi. Er bekannte sich zu einer abstrakt bleibenden Gesamtverantwortung, ohne jedoch vom Holocaust gewusst haben zu wollen.
Viele Deutsche fühlten sich damit von ihrer Schuld freigesprochen: Wenn nicht einmal der mächtige Rüstungsminister Speer von der systematischen Tötung der Juden wusste, woher hätten sie dann davon wissen können? Speer spielte im Prinzip jene Rolle weiter, die er schon vor den alliierten Richtern in Nürnberg eingenommen hatte. Dort hatte sich „der Lieblingsarchitekt des Führers“ als zahlenorientierter Technokrat und Manager präsentiert, der die Waffenproduktion um das Dreifache steigerte, wie auch in einem US-Militärbericht im September 1945 festgehalten wurde.
Bereits da verstand er sich auf die Manipulation, wie Historiker Magnus Brechtken in einem „taz“-Interview darlegt: „Bei bestimmten Sprengstoffproduktionen werden für 100 Kilogramm Sprengstoff 50 Kilogramm Füllstoff benötigt. Die Produktionen wurde immer getrennt ausgewiesen – Speer ändert das und steigert so die Sprengstoffproduktion auf dem Papier um 50 Prozent.
“ Gleichzeitig gab sich Speer fassungslos, wie ihm die Verbrechen des Regimes verborgen bleiben konnten. Wenn nötig, log er. Die Arbeitsbedingungen in einer berüchtigten unterirdischen Rüstungsfabrik bezeichnete Speer dreist als „absolut einwandfrei“: „Staubfreie, trockene Luft, gutes Licht, große Frischluftanlage“. Dass dort in den letzten Kriegswochen Zehntausende KZ-Häftlinge sterben oder ermordet werden, davon wollte er - wieder einmal - nichts mitbekommen haben, wie derberichtete.
Formal gesehen handelte es sich außerdem um SS-Einrichtungen, für deren Personal er keine Verantwortung trug. Er selbst ließ sich in Konzentrationslagern niemals blicken. Hätten die alliierten Richter bei den Nürnberger Prozessen gewusst, was man heute weiß, dann wäre Albert Speer wohl zum Tode verurteilt worden. So bewilligte er 13,7 Millionen Reichsmark für Bauten in Auschwitz, inklusive Krematorien, wie 1948 aufgetauchte Dokumente beweisen.
Nach seiner Freilassung knüpfte Speer an seiner Selbstdarstellung vom pflichtbewussten, fehlgeleiteter Architekten an. Er zeigte sich überzeugt, dass ohne ihn das Wirtschaftswunder des modernen Deutschlands gar nicht möglich gewesen wäre. Eine Meinung, die damals eine gewisse Popularität erlangte.
„Das stimmt nicht“, sagt dazu der Historiker Brechtken. Es sei eine Legende, dass Speer kurz vor dem Ende 1945 im Führerbunker diese Befehlsverweigerung Hitler gebeichtet habe und diesen mit Tränen in den Augen zurückgelassen habe.
„Diese Szene erfand 1952 ein französischer Journalist. Speer hat sie so gut gefallen, dass er sie sich in den ‚Erinnerungen‘ zu eigen machte“, so Brechtken. Die Szene fand sogar Platz im erfolgreichen Oscar-nominierten Kinofilm „Der Untergang“ über Hitlers letzte Tage. Vom Holocaust nichts gewusst zu haben, darauf beharrte Speer zeitlebens.
Vehement bestritt er daher auch immer, am 6. Oktober 1943 bei jener Gauleitertagung in Posen anwesend gewesen zu sein, in der SS-Führerdie „Endlösung der Judenfrage“ erklärte.
„Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen“, sagte Himmler in jener Rede. In einem zehn Jahre vor seinem Tod verfassten und erst in den 2000er Jahren entdeckten Brief an die Witwe eines belgischen Widerstandskämpfers, der von den Deutschen erschossen wurde, liest sich das allerdings anders: „Es besteht kein Zweifel. Ich war zugegen, als Himmler am 6. Oktober 1943 ankündigte, dass alle Juden umgebracht werden würden. “
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